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Gehalten von Pfarrerin Christina Schultheis (Ev. Kirche Steinheim)
Vom guten Kampf des Glaubens
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN.
Liebe Brüder und Schwestern im HERRN,
ein elfjähriger Junge war er damals. Er erinnert sich noch gut, an diese Nacht des 19. März 1945 vor 81 Jahren. An den Motorenlärm der Flugzeuge und das Poltern der Phosphorbomben. „Es war ein riesiges Getöse. Das Licht ging aus. Staub, Steine und Dreck kamen durch das ungeschützte Fenster hineingeflogen... Es klang, als ob man Teerfässer eine Treppe herunterrollt. Um 4.20 Uhr fielen die Bomben ohne vorherigen Alarm. 20 Minuten später stand Hanau in Flammen. Taghell war die Nacht. Bilder, die ich heute noch vor Augen habe“, so erzählt es ein Zeitzeuge, der unserer Ev. Kirchengemeinde in Steinheim angehört. Auf dem Tisch vor sich ein ganzer Aktenordner mit Erinnerungen, die er für seine Söhne dokumentiert und gesammelt hat. Neben dem 19. März 1945 finden sich darin auch Bilder des Stadttheaters, das beim Bombenangriff wenige Wochen zuvor, am 6. Januar 1945 ausbrannte und Eindrücke des 10. November 1938, der Reichspogromnacht, als die Synagoge in der Nordstraße in Flammen aufging.
Die Zeitzeugen, so sie heute noch leben und von ihren Widerfahrnissen inmitten des Krieges erzählen können, sie waren damals Kinder. Das, was sie erlebt haben – ein Gepräge für ihr gesamtes Leben. Die Schrecken des Krieges, die Erfahrung von unsäglichem Leid, Tod und Zerstörung. Die Macht der Bilder in ihren Köpfen. Es sind gerade diese – ja, so schmerzvollen, zugleich so wichtigen Erinnerungen, die uns nicht unberührt lassen dürfen, als Menschen. Erinnerungen, die es zu bewahren gilt. „Werden Sie die Zeitzeugen, die wir nicht mehr lange sein können!“, so appellierte die im vergangenen Jahr verstorbene Holocaust-Überlebende Margot Friedländer. Dabei genügt es nicht, die Erinnerung nur wach zu halten.
Es ist unser aller Auftrag und Herausforderung, aus der Geschichte zu lernen. Unsere Gegenwart zu gestalten. In der Hoffnung auf ein Morgen, auf eine Zukunft, die friedvoller sein möge als das Heute. Wir tun dies im Angesicht von Krieg und Gewalt.
Wir sind konfrontiert mit täglich neuen Nachrichten, die Ausdruck einer friedlosen Wirklichkeit sind. Und das an so vielen Orten dieser Erde. Das, was wir hofften, was nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert nie wieder geschehen würde, ist eingetreten. Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Unser Blick ist dieser Tage gleichsam sorgenvoll auch auf den Nahen und Mittleren Osten gerichtet. Wieder einmal. Ein rasches Ende: nicht in Sicht. Zeitgleich Meldungen nahezu täglich von Angriffen auf Synagogen und jüdische Einrichtungen weltweit. Was sei an der Stelle noch alles zu nennen...
Die gegenwärtigen Berichte von massiven militärischen Luftschlägen und Raketenangriffen, gehäuft in der Nacht und in den frühen Morgenstunden, um – wie es heißt – Überraschungseffekte zu nutzen, sie erinnern in erschreckender Weise an die dunkelsten Stunden unserer Geschichte. Ähnlich wie damals vor 81 Jahren, am 19. März 1945, als unsere Stadt bei einem Luftangriff der britischen Royal Air Force mit 280 Bombern innerhalb von nur zwanzig Minuten nahezu vollständig zerstört wurde – einer Trümmerlandschaft gleich. Mehr als 2.000 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben. Die Auswirkungen und Folgen des Bombardements, die Wunden und Vernarbungen sind bis heute Teil unserer Stadtgeschichte und Erinnerungskultur.
Ähnlich wie damals in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940, wenige Jahre zuvor, beim Angriff „Operation Mondscheinsonate“ der deutschen Luftwaffe mit über 500 Bombern auf die Stadt Coventry in Mittelengland. Eine Bombardierung, welche die ganze Nacht über andauern sollte. Das Nagelkreuz aus der St. Michael’s Cathedrale von Coventry – zusammengesetzt aus drei großen Zimmermannsnägeln aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale – es ist in der Folge zu einem weltberühmten Symbol für die völkerweite Versöhnung und dem Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg geworden.
Die Welt, sie lag damals in Flammen. Und sie tut es auch heute an vielen Orten dieser Erde. Mit jedem Tag sterben mehr Menschen, verlieren ihr Zuhause und ihre Heimat. Kinder verleben ihre Kindheit im Krieg. Wir sehen nicht enden wollende Gewaltspiralen, Macht und Ohnmacht. Menschliche Abgründe. Bilder von unsäglichem Leid, von Tod und Sterben. Völkerrechtsverletzungen. Wir hören Geschichten von Menschen, die alles verloren haben. Was bleibt diesen Menschen, die oft schutzlos zwischen die Fronten geraten inmitten von Krieg und Zerstörung?
Teil der Wahrheit ist auch, dass mit jedem weiteren Tag kriegerischer Auseinandersetzungen die Hoffnung auf einen nahenden Frieden, einen die Welt umspannenden Frieden, ein Stück mehr schwindet. Das gilt für die unmittelbar betroffenen Menschen. Das gilt für viele Menschen, die sich mit Kriegsgeschehen und bewaffneten Konflikten beschäftigen – sofern sie noch bereit sind, die Nachrichten und Bilder an sich herankommen zu lassen. Denn auch unser Verständnis von Sicherheit, unsere ethischen Überzeugungen, unser Glaube an das Gute – all das ist tief erschüttert. Eine große Zäsur, sagen die einen. Eine Zeitenwende, die anderen.
Dabei werden Fragen laut und in Teilen auch kontrovers diskutiert: „Andere vor Gewalt schützen – mit allen verfügbaren Mitteln, um noch größeres Leid zu verhindern? Ist es dann legitim, dass Menschen Böses tun und Gewalt anwenden, um schlimmeres Unheil zu verhindern? Und wenn ja, welche Rechtfertigung ist dafür zulässig? Kann Krieg gerecht sein oder ist die Rede vom gerechten Krieg nicht ein Widerspruch in sich selbst?
Gewissermaßen als Gegenpol stelle ich daneben diese Fragen: Was kann ich tun? Was können, was sollen und müssen wir tun? Wofür kämpfen wir? Und wogegen? Kämpfen wir überhaupt und wenn ja, manchmal an der einen Stelle zu viel, an anderer vielleicht zu wenig? Und welche Waffen kommen dabei eigentlich zum Einsatz?
In der Friedensvision des Propheten Micha, die wir eingangs als Lesung gehört haben, werden Kriegswaffen zu Werkzeugen für die Neuwerdung und Bewahrung des göttlichen Schöpfungswerkes. „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. [...] Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen,“ heißt es dort. Misstrauen, Härte und Vergeltung müssen verlernt und abgelegt werden. Friedfertigkeit soll eingeübt, Frieden soll gestiftet werden. Ein zeitloser Auftrag. Ein zeitloses Ziel der Menschheit hier auf Erden.
Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln. Von einer Waffenrüstung – nicht materiell, sondern geistlich – lesen wir auch im Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Ephesus. Dort steht im sechsten Kapitel sinngemäß geschrieben (Eph 6,10-17): Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes. Ergreift sie, leistet Widerstand, überwindet alles und behaltet das Feld. Steht fest, umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit. Beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Ergreift den Schild des Glaubens und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. So der Appell im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus. Ein Appell auch an uns heute. Gerade an uns. An einem Tag wie diesem. In einer Zeit wie dieser. Und weit darüber hinaus.
Es geht Paulus um die Orientierung am Gott der Bibel, an seiner Schöpfung, die Gott in seiner Hand hält. Seine Schöpfung, die er ein Stück weit und auf Zeit uns Menschen in die Hände legt. Aber nicht, damit wir Leben zerstören, vernichten und niederreißen – sondern damit wir im Glauben, mit Vertrauen und der Hoffnung auf Gottes Wort an dieser Welt mit bauen. Mit Pflugscharen und Sicheln. Mit einer geistlichen Waffenrüstung, die auf unserem Glauben an Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, gründet. Dem Friedefürst, der seinen Jüngern kurz vor seiner Kreuzigung in einer seiner Abschiedsreden verspricht: „Meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh 14,27).
So ist das Evangelium Jesu Christi ein Evangelium des Friedens, das zum Kampf aufruft – nicht gegeneinander sondern um den Frieden. Es ist „der gute Kampf des Glaubens“, den wir kämpfen sollen. Zu dem wir „berufen“ sind (1. Tim 2,16). Zu dem wir aufgerufen sind. Damit wir nicht zerstören, was Gott zum Leben gedacht hat. Damit wir sprechen, was wahr ist. Damit wir Worte finden, die verbinden. Bleibend, hoffnungsvoll. In allem. Trotz allem. Genau hier brauchen wir die Waffenrüstung Gottes. Den Gürtel der Wahrheit – gegen Verdrehung und Lüge. Den Schild des Glaubens – gegen Misstrauen und Angst. Und das Schwert des Geistes – das Wort Gottes, das Leben schafft. Ein Wort, das aufrichtet. Ein Wort, das Versöhnung möglich macht.
Denn aus unserem christlichen Glauben heraus zu leben, bedeutet immer auch, Betroffenheit zu fühlen, wenn einem anderen Menschen Gewalt und Unrecht widerfährt. Aufzustehen statt still zu halten, hinzuschauen statt wegzusehen, sich zuzuwenden statt abzukehren. Darin – und genau an dieser Hoffnung halte ich fest – liegt sie: eine Chance auf eine friedvollere Welt, die uns von Gott auf Zeit ein Stück weit anvertraut und in die Hände gegeben ist. Von unserem Gott, der verheißt: „Siehe, ich mache alles neu.“
Ich wünsche uns, dass wir im Glauben und aus ihm heraus es wagen zu hoffen. Immer und immer wieder neu. Möge diese Hoffnung uns Kraft geben, mutig und entschlossen für Versöhnung und Frieden, für Freiheit und Gerechtigkeit, für das Leben einzutreten. Wider alle zerstörerischen dunklen Mächte dieser Welt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.
-es gilt das gesprochene Wort-
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Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
liebe Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,
im Kirchenjahr beginnt nach dem Weihnachtsfest die Epiphaniaszeit. Epiphanias ist das Gedenken an die Offenbarung der Göttlichkeit Jesus Christi. Es ist das Fest der historisch greifbaren Erscheinung Gottes in Jesus Christus, der Herrlichkeit Gottes, die uns im Leben und im Wirken Jesu offenbart wurde.
Das hört sich nun sehr theoretisch an. Vereinfacht kann man sagen: Christus hat seine ersten Auftritte in der Welt. Während er an Weihnachten noch hilflos als Baby in der Krippe liegt, handeln die biblischen Texte der Epiphaniaszeit z.B. vom jungen Jesus im Tempel. Es geht also quasi um den heranwachsenden Jesus, der immer mehr seine Rolle findet.
Nach seiner Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt war es an der Gemeinde Christi, auch ihre Rolle (als neue Religionsgemeinschaft) zu finden. Kinderkrankheiten hatten sich breitgemacht. Das ist der Hintergrund, vor dem wir den heutigen Predigttext aus dem Korintherbrief gehört haben. Er steht als Grunderfahrung der Botschaft vom Gottessohn, der für uns in diese Welt gekommen ist.
Und so erklärt der Apostel Paulus, was eine Gemeinde ausmacht, die an den Gekreuzigten und Auferstandenen glaubt. So eine Gemeinde nennt die Gewalt öffentlich beim Namen und baut eine Gemeinschaft auf, die Gottes Gerechtigkeit verwirklicht. Die Gerechtigkeit unterbindet Privilegien der Mächtigen auf Kosten anderer Menschen und möchte allen gleichermaßen Chancen eröffnen.
Mit diesen Gedanken macht Paulus den Geschwistern in Korinth Mut. Denn in der Gemeinde in Korinth gab es mehr Schwache als Starke, mehr Ungebildete als Gebildete, mehr Ohnmächtige als Mächtige. „An die in Christus Geheiligten“ so fängt er seinen Brief an die Korinther an. Heilige, bei denen es recht unheilig zugeht. Sie streiten sich ums Geld und darum, wer Recht hat im Glauben, wer der bessere Christ sei. Sie streiten sich darüber, wer der Wichtigste, der Klügste, der Frömmste und der Erfolgreichste sei. Paulus schreibt dazu: „was töricht ist vor der Welt, was schwach ist und gering – das hat Gott erwählt.“
Der Apostel ist ein Meister des Wortes, einer, der zwar nicht zu den Schönen und Reichen zählt, aber doch zu den Klugen und Einflussreichen. Und so hat er eine handfeste Ermahnung an die heillos zerstrittenen Korinther. Eine wahre Standpauke hält er ihnen: „Ihr, die ihr meint besonders stark zu sein - achtet die anderen, die Schwächeren, die Hafenarbeiter, die Sklaven. Seid nicht überheblich, nur weil ihr gebildeter seid.“ Er zeigt ihnen auf, was sie alles falsch machen. Sie schauen auf die Taugenichtse, die Habenichtse herab, auf die Menschen ohne Rang und Namen. Auf Menschen, die Gewalt erfahren haben, auf die Menschen, an denen das Leben vorbeizieht.
Das Leben in Korinth war damals ungesund und hart. Die Wohnungen der Armen jenseits der Prachtbauten hatten keine Küche, keine Abwasserversorgung, manche auch keine Fenster. Der Schmutz erstickte die Straßen. Nur die Hälfte der Neugeborenen erreichte das 10. Lebensjahr.
Meine Lieben, hätten wir dort leben mögen? Bestimmt nicht. Doch die Menschen in Korinth sind ehrlich und strengen sich an. Aber auch dafür werden sie verachtet. Wer von seiner Hände Arbeit lebt, gilt nichts angesehen ist nur Kopfarbeit. Von Menschen verachtet sein und doch vor Gott gut dastehen. Das könnte der Leitspruch der Gemeinde in Korinth sein.
„Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist“ schreibt deshalb Paulus. Gott hat schon immer Partei ergriffen für die Armen, die Niedrigen, die Geringen, genau wie es die Geburt des Gottessohnes Jesu als hilfloses Kleinkind in armseligen Verhältnissen zeigt.
In den Lobgesang der Maria, dem Magnifikat, könnte auch Paulus einstimmen: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Für Korinth bedeutet das konkret: Es entzaubert und entmachtet die Leute, die in der Gesellschaft Privilegien haben - auch die wenigen, die vielleicht der Gemeinde angehören. Damit eröffnet sich auch für sie ein Weg der Befreiung von ungerechten Strukturen.
Wenn wir die Zustände in Korinth in die heutige Zeit übertragen, dann passt doch oftmals die Erfahrung, nichts zu gelten, arm und verachtet zu sein, auch an manchen Ort in unsre Zeit. In vielen Städten gibt es Brennpunkte, in denen sich Kriminalität ballt, und sich abends niemand mehr auf die Straße traut. Die Debatte um das Stadtbild vergangenes Jahr hat uns darauf aufmerksam gemacht.
Viele Menschen, die als arm gelten, bedienen sich mit Lebensmitteln bei den Tafeln, traurigerweise werden es immer mehr. Und der Staat ist stolz über so viel ehrenamtliches Engagement. Das ist auch lobenswert, aber das müßte anders gelöst werden.
Oder die Bildung in unsrem Land: Dass Kinder aus ungebildeten und armen Elternhäusern nicht die gleichen Chancen haben, wie Kinder, die aus gut situierten und gebildeten Elternhäusern kommen. Natürlich sind auch manche Eltern schuld an der Misere, weil sie sich nicht genug kümmern um ihre Kinder, manche können es aber auch einfach nicht, wenn auch bei ihnen bereits das Bildungssystem versagt hat.
Wir könnten hier die Liste wahrscheinlich unendlich erweitern, wenn wir auf die ganze Welt schauen. Und Sie alle kennen Beispiele, die Sie sicherlich anfügen könnten, wo Dinge in ihrem Leben oder in ihrem Umfeld ungerecht und aus dem Gleichgewicht geraten sind.
Doch sie und wir alle gehören zum Leib Christi. Gott entscheidet sich für das Geringe, für das Elend, für das, was andere verachten. Gott entscheidet sich für die Armseligen und Bedrückten, für die Mühseligen und Beladenen: das können wir immer wieder in der Bibel lesen – und das trifft übrigens Arme und Reiche gleichermaßen!
Wo finden wir uns heute Abend in diesen Worten des Apostels Paulus wieder, liebe Gemeinde? Auch wir fühlen uns doch manchmal schwach und stehen manches Mal dumm da, am Ende mit unsrer Weisheit und unserem Können, ja auch manches Mal am Ende mit unserem Glauben in die Menschheit und Gott selbst, wenn wir nur an all die Kriege und Konflikte denken.
Paulus ermutigt uns aber dennoch, uns zu entscheiden. Nämlich, ob ich denke, ich bin einem blinden Schicksal ausgeliefert. Oder aber glaube, daß ich unter dem Schutz eines gnädigen Gottes lebe, der mich liebt und annimmt, so wie ich bin. Und der mir auf keinen Fall mehr zumuten wird, als ich tragen kann. Dieser Gott wird mir die Kraft geben, dieses Leben zu leben.
Dies verhindert bei unserem Glauben nicht den Zweifel. Und manchmal gesellen sich in dunkler Nacht Selbstzweifel dazu, dass mein Leben wertlos und spurlos ist, angesichts der Menschen, denen es besser geht und die erfolgreicher sind.
Aber dann dämmert der Tag. Und im Tageslicht sind solche Gefühle der Sinnlosigkeit und Verzweiflung über das Leben fast vollständig verschwunden, weil jeder neue Tag neue Chancen bereithält, wenn wir nur wachsam sind, sie auch zu ergreifen. Und was für einen Tag gilt, das gilt auch für ein ganzes neues Jahr, welches wir vor nicht einmal zwei Wochen begrüßt haben.
Und da tut es doch gut, nochmals an die Jahreslosung für 2026 zu erinnern, wenn es in der Offenbarung heißt: „Siehe, ich mache alles neu!“ Einiges an Neuem in 2026 wissen wir bereits: Der Mindestlohn steigt auf 13,90 € pro Stunde. Das Deutschlandticket wird teurer, die Renten werden im Sommer steigen, ebenso das Kindergeld. Junge Männer werden Post von der Bundeswehr bekommen und das Schnitzel im Restaurant wird nur noch mit 7% Mehrwertsteuer besteuert. Und auch bei Kirchens wird die Arbeit an neuen Strukturen weitergehen.
Aber dieses Neue ist alles von Menschen gemacht. Das Neue der Jahreslosung kommt von Gott, der uns zuspricht: „Siehe, ICH mache alles neu!“ Das ist ungeheuer entlastend: nicht ich selbst muss mich immer wieder neu (er-)finden, muss eigene, neue Wege gehen, sondern darf gespannt sein, wohin mich Gottes neue Wege führen werden. Ist ein solches Gottvertrauen töricht vor der Welt, wie es Paulus im heutigen Predigttext schreibt?
Dazu eine kleine Geschichte zum Schluss, die ich im Internet fand. Ich habe sie bereits beim Neujahrsgebet erzählt, wurde aber mehrmals darauf angesprochen, also noch einmal: Damals versammelten sich im Himmel zum Jahresende pünktlich alle am Jahreswechsel Beteiligten, jeder streng nach seiner Rangordnung platziert. In der ersten Reihe war dem eben eintreffenden Alten Jahr ein Ruheplatz bereitgestellt worden. Gleich daneben stand ein zweiter Sitz noch leer – jener für das zu begrüßende Neue Jahr. Anfangs dachte sich keiner etwas dabei, waren doch alle überpünktlich erschienen.
Einer nach dem andern wurde aber etwas unruhig. So schwärmte Groß und Klein aus und hielt Ausschau, ob sich das Neue Jahr nicht etwa hinter einem vergessenen Stern versteckt hätte.
Nach Minuten verzweifelter Suche wurde es endlich aufgespürt. In einem kleinen Winkel gleich neben der Himmelspforte hatte es sich verkrochen.
„Was hast Du dir dabei nur gedacht”, wollte der heilige Petrus leicht ungeduldig von ihm wissen, „Du bringst mit deinem Verhalten den ganzen Weltenlauf durcheinander!” – „Ich hatte etwas Angst”, erwiderte das Neue Jahr leise. Seht, alleine soll ich während dreihundertfünfundsechzig Tagen die Verantwortung für die ganze Welt tragen. Wenn ich nun einen Fehler mache? Wenn ich etwas übersehe oder vergesse? Diese Verantwortung ist zu viel für mich allein.”
Der heilige Petrus nickte, dachte kurz nach und antwortete dann verständnisvoll: “Die ganze Verantwortung zu tragen ist gewiss eine große Aufgabe. Fehler können geschehen und bleiben nicht folgenlos, auch das ist richtig. Aber ich bin überzeugt, mein liebes Neues Jahr, dass gerade Du am besten dazu geeignet bist. Du bist frisch an Kräften, gänzlich unverbraucht und noch voller Hoffnung. Es kommt nicht darauf an, die beste Lösung immer gleich zur Hand zu haben. Viel wichtiger ist es, das Du all es aus Liebe zu den Menschen tust und mit der guten Absicht, nicht leichtfertig mit Deiner Zeit umzugehen. Ich glaube, gutes Neues Jahr, ein besseres Jahr als Dich hätte zurzeit niemand finden können.
Und eines soll Dir Mut machen: Auch wenn Du nicht fertig wirst mit Deiner Arbeit, es kommt nach Dir wieder ein Neues Jahr. Manche Dinge brauchen Zeit und machen viel Mühe, aber einmal müssen sie begonnen werden. Das ist nun Deine Aufgabe.”
Das Neue Jahr blickte in die Runde, wo sich in jedem Blick Erwartung und Ermutigung spiegelte. Es nickte dem heiligen Petrus zu, der nahm das Neue Jahr an der Hand und führte es entschlossen zur Himmelspforte.
Die Zeit war knapp geworden. Schnell wurde für die Arbeit des alten Jahres gedankt, und die Himmlischen gaben dem Neuen letzte gute Ratschläge mit auf den Weg. Damit begann es dann endgültig, dieses neue Jahr…
Jeden Tag aufs Neue in diesem angebrochenen Jahr sind wir also frei, alte Zöpfe und Gewohnheiten abzuschneiden und einen neuen Weg einzuschlagen. Da wird hoffentlich das Gute mächtig werden und die Gnade auch gegenüber uns selbst, groß werden. Paulus Worte machen Mut und bauen auf. Denn was töricht ist vor der Welt, was schwach, gering und verachtet ist, das hat Gott erwählt.
AMEN
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Gehalten von Pröpstin Sabine Kropf-Brandau (SKB), Pfarrer Torben W. Telder (TT) und Dechant Andreas Weber (AW)
(TT) Liebe Schwestern und Brüder im HERRN, wenn das nun mal keine gute Gelegenheit ist, eine dogmatische Betrachtung zum Thema Dreieinigkeit zu machen, wo doch so viele Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden und Kirchen hier versammelt sind. Da kann die Theologie doch endlich einmal damit glänzen, was sie in den vergangenen Jahrhunderten alles formuliert hat.
(AW) Lieber Herr Kollege, darf ich gleich unterbrechen. Ich weiß, als Reformierter mögen Sie lange Predigten, aber dafür ist doch keine Zeit. Und wir wollen doch auch eher nach vorne schauen, wo wir als Christen unterwegs sein wollen.
(SKB) Da kann ich meinem Kollegen nur zustimmen. Wie wäre es, wenn Sie die Bedeutung von Gott-Vater für die Kirche einmal betrachten.
(TT) Moment, so alt sehe ich nun auch nicht aus. Dafür wäre Dechant Weber doch eher geeignet, schließlich ist er ja auch schon viel länger Pfarrer.
(AW) Nein, nein, da lasse ich Ihnen gerne den Vortritt und betrachte selbst die Bedeutung Jesu für die Kirche.
(TT) Super, da würde ich gleich aus der Sicht des Vaters sagen, dass es doch wohl nicht sein kann, wenn man von Ewigkeit zu Ewigkeit nur einmal einen Sohn gezeugt hat und schon kommt der mir altklug entgegen.
(SKB) Moment: als Gott-Vater haben Sie nur einen Sohn in all der Zeit gezeugt, und sonst keine Nachkommen?
(TT) Eine gute Frage, liebe Frau Kollegin. Natürlich Ist Gott Schöpfer und Vater von Adam und Eva samt vielen Nachkommen. Und dann hat er sich das Volk Israels als erste große Liebe erwählt, die bis heute nicht erkaltet ist.
(AW) Gut geantwortet, aber schon wieder sehr theologisch. Ich bring‘s mal auf eine mathematische Formel: 1 + 1 + 1 = 1. In Mathe gäbe es da eine 6 oder null Punkte. In Reli stimmt’s.
(TT) Ja, schon verrückt dieser Glaube. Seit über 2000 Jahren sind Menschen ergriffen von der Botschaft Gottes, die vor aller Zeit von Gott den Menschen anvertraut wurde, die dann durch Jesus Christus angreifbar wurde und die durch den Heiligen Geist noch immer lebendig ist.
Dass wir Gott Vater nennen, ist eine wichtige Aussage für unseren Glauben, und auch, wie wir Kirche sein wollen. Natürlich gibt es Menschen, die schlechte Erfahrungen mit ihrem biologischen Erzeuger gemacht haben. Aber dieses Bild möchte uns alle einladen, an einen Ort zu kommen, an dem wir willkommen sind und angenommen werden, mit all unseren Problemen und Zweifeln, so wie wir eben sind.
Eine Kirche, die den Menschen ausgrenzt, ist nicht im Sinne des Vaters. Und ja, das kann in unseren Gemeinden zu Spannungen führen, wenn sich alt und jung, reich und arm, links und rechts, fromm und liberal, katholisch, evangelisch, freikirchlich und viele mehr begegnen. Aber auf solchen Spannungen liegt auch ein Segen.
Es gibt ein schönes Kinderlied von Daniel Kallauch, welches für mich ein Bild einer offenen, einladenden und zukunftweisenden Kirche ist. Dort heißt es:
„Willkommen – Hallo, im Vaterhaus
Kinder kommt rein, ja, die Tür steht weit auf
Willkommen – Hallo, im Vaterhaus
Schön, dass du da bist, fühl dich wie zu Haus.
Komm so wie du bist – ins Vaterhaus
Was bringst du heut mit – ins Vaterhaus
Gottes Liebe ist hier, hell und warm
Der Vater wartet schon, nimmt dich in den Arm.“
(AW) Zumindest nicht auf den Arm, sondern in den Arm. Woher wissen wir das denn eigentlich so genau? Es gibt einen Vater und das schon immer. Der Hinweis auf die Juden, unsere älteren Geschwister stimmt da. Wir wissen es, weil Gott sich selbst gezeigt hat. Er hat einen Weg zu den Menschen gesucht und auch gefunden.
In Jesus Christus zeigt er sein wahres Gesicht. „Wer mich sieht, sieht den Vater. Ich und der Vater sind eins!“, sagt er im Johannesevangelium. Sein ganzes Leben gibt Zeugnis vom Vater im Himmel. Gott wird Mensch, einer von uns und bleibt doch Gott. Niemand hätte sich das ausdenken können. Der Mensch sucht nach Gott und will ihn beschreiben.
Hier ist es umgekehrt. Gott findet einen Weg zu den Menschen. Offenbarung:
Er offenbart von sich aus: So bin ich. In Jesus bedeutet das die Liebe. Sie durchdringt alles. Den ganzen Lebensweg Jesu bis zum Kreuzweg und seinem Sterben am Kreuz.
Besonders auch in seiner Auferstehung. Er stirbt wie jeder von uns. Aber er kommt zum Leben. Und das schenkt er jedem von uns. Jesus ist der Weg zum Vater im Himmel („Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“).
(SKB) Lieber Kollege, mir gefällt vieles von dem, was sie ausgeführt haben, besonders das mit der großen ersten Liebe und dem Willkommensein in aller Verschiedenheit, aber ich möchte an dieser Stelle doch hinzufügen, dass es durchaus Bibelstellen gibt, wo die mütterlichen Züge Gottes zum Ausdruck kommen. Aus diesem Grund wird ja auch oft statt vom Heiligen Geist von der Geistkraft gesprochen. Nur so ist das Bild für mich komplett.
(TT) Liebe Frau Kollegin, warum überrascht es mich nun nicht, dass gerade Sie als Frau diesen Punkt einwerfen. Und tatsächlich haben Sie Recht, wenn Sie die Geistkraft nennen, denn der Heilige Geist ist im hebräischen weiblichen Geschlechts. Und auch dieses Willkommensein bzw. das Erbarmen Gottes ist weiblichen Ursprung. So heißt es beim Propheten Jesaja „Denn so spricht der HERR: Siehe,…, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 66, 12+13)

(AW) Genau: Gott hat beide Züge: mütterliche und väterliche. Wichtig ist die Liebe, die alles zusammenhält. Und da sind wir mitten drin.
In einem Tagebucheintrag einer Mutter wird das deutlich: Sie hat alle interessanten Ereignisse ihres kleinen Jungen in einem Tagebuch aufgeschrieben. Als der Junge etwa zweieinhalb Jahre alt war, besuchte sie ihre eigne Mutter in Berlin zum 80. Geburtstag. Am Bahnhof kaufte sie einen schönen großen Blumenstrauß. Die Mutter wohnte im dritten Stock eines Berliner Mietshauses. Die beiden gehen die Stufen hinauf. Die Mutter drückt ihrem kleinen Sohn, der an diesem Morgen nicht gut drauf ist, den Blumenstrauß in die Hand und stellt ihn vor die Tür der Großmutter, klingelt und versteckt sich an der Seite. Das Geburtstagskind öffnet, sieht ihren Enkel und den Blumenstrauß und versteht sofort:
Es ist die Liebe ihrer Tochter, die ihr in diesem Bild entgegenkommt. Im Tagebuch ergänzte die Mutter. Der Kleine überreichte den Strauß an die Großmutter mit einem bockigen Gesicht und einem einfachen: DA…!
Der Junge war eingebunden, ohne dass er den Zusammenhang schon richtig verstanden hat. Mutter und Großmutter verstehen es sofort. Er ist in diese Liebe tief eingebunden.
So sind auch wir, jeder von uns eingebunden in diese tiefe Liebe zwischen dem Vater und dem als verbindendes Element im Heiligen Geist. Den Blumenstrauß drückt uns unsere Glaubensgemeinschaft in die Hand. Manchmal haben wir vielleicht auch ein bockiges Gesicht, aber wir sagen einfach: DA (hast Du den Strauß!!!) und sind in der Liebe Gottes mittendrin.
(SKB) Das ist ein wirklich schöner Gedanke. Mittendrin in der Liebe Gottes, auch wenn wir es vielleicht so gar nicht spüren, denn das ist ja wirklich nicht so einfach mit dem Heiligen Geist.
Liebe Gemeinde, wenn wir ehrlich sind: Der Heilige Geist ist für viele von uns der „unbekannte Dritte“. Vom Vater haben wir ein Bild: Schöpfer, Himmel, Erde. Den Sohn kennen wir: Jesus – sichtbar, greifbar, einer von uns. Aber der Geist? Unsichtbar, ungreifbar, irgendwie schwer zu packen.
Ich sag’s mal so: Der Heilige Geist ist wie WLAN. Man sieht ihn nicht, aber ohne ihn läuft nichts!
Du kannst die schönste Bibel haben, die tiefsten Gedanken, aber ohne Geist bleibt’s toter Buchstabe. Mit dem Geist wird’s lebendig, verständlich, bewegend.
In der Trinität ist der Geist sozusagen die Verbindung:
- Der Vater schenkt uns Leben,
- der Sohn zeigt uns, wie dieses Leben in Liebe aussieht,
- und der Geist macht, dass wir es heute spüren – mitten in unserer Welt.
Pfingsten ist ja die Geburtsstunde der Kirche. Menschen aus zig Nationen verstehen einander plötzlich. Man könnte sagen: Der Heilige Geist schaltet den Übersetzer frei – besser als Google Translate.
Und das gilt bis heute: Der Geist verbindet Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten. Er gibt Mut, wenn wir am liebsten kneifen würden. Er flüstert uns ins Herz: „Du bist Kind Gottes – geliebt, getragen, frei.“
Also: Trinität ist kein theologisches Rätselraten, sondern Gottes Beziehungsangebot. Der Heilige Geist ist die Kraft, die uns daran teilnehmen lässt – unsichtbar, aber spürbar.
Und wenn du das nächste Mal denkst: „Ich krieg das nicht hin“, dann erinnere dich: Du bist im besten WLAN-Netz der Welt eingeloggt – und die Verbindung reißt nie ab.
(TT) Liebe Frau Kollegin. WLAN ist auch EIN schönes Bild für EINE Person der Trinität. Wenn ich mich nicht wirklich irre, dann gibt es DREI Möglichkeiten, ins WWW, also WORLD WIDE WEB zu kommen: WLAN, Kabelgebunden oder per Netz. Und verbirgt sich hinter diesem WWW nicht auch etwas Trinitarisches:
World – von Gott Vater geschaffen
Wide – die grenzenlose Liebe Gottes in Christus
Web – Netz bzw Gewebe, welches die ganzen geistreichen Informationen bereithält, die wir für das Leben brauchen.
Wieder ein Dreiklang! Aber hoffentlich war dies alles nun nicht zu theologisch.
(AW) Keine Sorge, lieber Herr Kollege. Theologie ist noch einfach nur das Reden von Gott in Worten, die wir verstehen und nachvollziehen können. Und ein klein wenig Mysterium gehört eben auch dazu, wie die Mysterien von Glaube, Liebe, Hoffnung aus der Lesung vorhin, die wir auch nie ganz verstehen werden.
(TT) Jesus Christus spricht: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mtth 18). Vielleicht ist es höchste Zeit, wieder mit kindlicher Neugier und Experimentierfreude ans Werk zu gehen uns so gemeinsamer aufzubrechen in die Zukunft, unsere eigene und die der Kirche – hier in Hanau und überall.
(SKB) Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
(AW) Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. AMEN
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Predigttext: Apostelgeschichte 2, 1-11
Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
liebe Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,
keine Angst – ich habe mich nicht im Tag geirrt, auch wenn der heutige Predigttext eigentlich das Pfingstfest thematisiert, welches wir erst nächste Woche feiern. Allerdings feiern wir an diesem Feiertag in der Regel immer die Konfirmation, so dass die Konfirmationsverse dann im Zentrum stehen. In diesem Jahr haben wir leider keine Konfirmation, was auch etwas über den Zustand unserer Kirche sagt. Pfingsten und unser Gemeindegründungsfest haben etwas gemeinsam: es sind die Geburtstage aller und unserer Kirche.
Viele von uns genießen ihre Geburtstage und freuen sich, ein weiteres Jahr älter geworden zu sein. In jüngeren Jahren natürlich mehr als in den späteren Jahren. Ich werde nun nicht fragen, wer der älteste Mensch heute Morgen unter uns ist.
Aber denken Sie nur einen Moment an all die Veränderungen, die zu unseren Lebzeiten stattgefunden haben. Wissen Sie, dass die NASA weniger Computerleistung hatte, als der erste Mensch auf dem Mond landete, als die, die heute im billigsten verfügbaren Handy zu finden ist? Der erste Computer war 2,5m hoch, 1m tief und 25m breit. Er enthielt 20.000 Röhren, 70.000 Widerstände, 10.000 Kondensatoren und ca. 5.000.000 Lötverbindungen. Er wog fast 30 Tonnen. Heute haben wir die über 1000fache Leistung in unserm Handy in der Hosentasche dabei.
Heute Morgen sind wir hier versammelt, um das 428-jährige Bestehen unserer Kirche zu feiern, deren niederländischer Teil, in dem wir heute Gottesdienst feiern, vor genau 405 Jahren eingeweiht wurde. Unsere Gemeinde und dieser steinerne Tempel unseres Glaubens haben viele Veränderungen im Laufe der Jahre erlebt.
Seit der Kirchengründung im Jahr 1597 haben wir verschiedene politische Systeme kommen und gehen sehen, tobten verschiedene Kriege und Konflikte um uns herum. Es gab unzählige Fortschritte in Technologie und im Gesun-heitswesen. Auch unsere Gesellschaft hat viele Veränderungen in Kleidungsstilen, Ethik, Moral, Gesetzen und so vielen anderen Dingen durchgemacht.
In all dieser Zeit gibt es aber eine Sache, die sich nicht geändert und die Zeiten überstanden hat: das Evangelium Jesu Christi. Das Evangelium, die Bibel, das Wort Gottes ist gestern, heute und morgen dasselbe. So lesen wir auch beim Propheten Maleachi (3, 6): „Ich, der HERR, wandle mich nicht.“
Während wir uns heute der Geschichte dieser Kirche bewusst sind, denke ich, dass es keine schlechte Idee ist, noch weiter in der Geschichte zurückzugehen zum Anfang der ersten Kirche und Gemeinde – wovon wir in der Apostelgeschichte gehört haben.
Die Ereignisse, die dort beschrieben werden, fanden 50 Tage nach dem jüdischen Pessachfest statt, als Jesus an Karfreitag gekreuzigt wurde. Die 11 Jünger; Judas hatte sich ja erhängt, befanden sich auf einer emotionalen Achterbahn. In nur wenigen Tagen hatten sie erlebt, wie Jesus während der Palmsonntagsparade triumphierend in Jerusalem einzog. Dann wurden sie Zeuge des Prozesses und des Todes Jesu. Viele von ihnen verließen die Stadt enttäuscht und dachten, sie hätten an eine falsche Hoffnung geglaubt. Drei Tage später aber sahen sie einen auferstandenen Jesus und ihr Glaube wurde wiederhergestellt.
Sie freuten sich auf ein kommendes Königreich von und mit GOTT, als sie weitere 40 Tage bei Jesus blieben. Aber dann stieg Jesus in den Himmel auf und versprach, einen Tröster, nämlich den Heiligen Geist, zu senden.
Und so waren sie zurück in Jerusalem, hatten Angst um ihr Leben und versteckten sich zusammen in höchstwahrscheinlich demselben Raum, in dem sie auch das Letzte Abendmahl zusammen gefeiert hatten, denn die römischen und jüdischen Beamten waren sich der jüngsten Ereignisse des Passahfestes noch sehr bewusst. Sie wurden zweifellos von beiden Parteien beobachtet, um sicherzustellen, dass keine anderen Störungen mehr stattfanden. Auch andere Jünger und Anhänger hielten sich bedeckt.
Doch dann kam der Pfingsttag und auf einmal waren sie alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu sprechen. Als dies geschah, zog es viele Menschen an und viele waren verwirrt, weil jeder sie in seiner eigenen Sprache sprechen hörte. Am Ende war die Begeisterung aber dann doch so groß, dass sich etwa 3000 Menschen taufen ließen.
In der Apostelgeschichte lesen wir, was diese Menschen als Kirche verstanden und verband: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (V. 42).
Meine Lieben, sicherlich gibt es auch unter uns heute Morgen den einen oder anderen, der schon einmal enttäuscht wurde durch Menschen, er geliebt und an die er geglaubt hat. Und sicherlich kennen wir auch das Gefühl von Angst, Einsamkeit oder Verrat. An jenem Sonntagmorgen damals in Jerusalem hatte sieben Wochen nach der Auferstehung Jesu diese kleine Gruppe von Jüngern dieselben Gefühle. Und doch markiert dieser Tag den Beginn, das Geburtsdatum der christlichen Kirchen. Es begann mit einer kleinen Gruppe von Gläubigen und hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und den Lauf der Weltgeschichte verändert.
Diese übernatürliche Kraft des Heiligen Geistes, die an diesem Tag erlebbar wurde, brachte drei große Veränderungen: Zuerst war es die Geburt der christlichen Kirchen, als der Heilige Geist auf die Jünger kam und sie inspirierte, zu predigen und ja, auch Wunder zu tun. Für mich heute in der Gegenwart bedeutet dies, dass wir als Kirche und als Einzelne empfänglich sein sollen, auch von diesem Heiligen Geist ergriffen zu werden und mit dieser Kraft unsere Kräfte einzubringen, Zuhause, im Alltag, in der Gesellschaft und auch in der Kirche.
Die Zweite ist die alleinige Orientierung an GOTT. Von diesem Tag an sollten sich Christen aller Nationalitäten vom Geist leiten lassen und die Welt verändern. Sicherlich, der Begriff der Mission klingt veraltet, aber der christliche Glaube hat eine Mission für die Welt. Ich weiß: Viele stehen dem Missionseifer kritisch gegenübe, aber stellen Sie sich einmal vor, es hätte nicht die christlichen Missionare bei den Kelten und Germanen, bei den Slawen und Indern, bei den Ureinwohnern Amerikas gegeben, dann würden vielleicht noch immer Menschenopfer stattfinden. Oder die Gleichwertigkeit von Mann und Frau würde fehlen, die erst in einer christlichen Gemeinde zusammen beten und wirken durften.
Und schließlich die Dritte: Gott gibt uns Kraft. An jenem Tag wurden dieselben ängstlichen Menschen, die sich im Abendmahlssaal versteckten, ermutigt, in die feindlichen Straßen Jerusalems hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Sollten dann nicht auch wir mehr Mut haben, einer immer mehr entkirchlichten Gesellschaft die Stirn zu bieten?
Wenn wir also vom Pfingstwunder lesen, finden wir keine blumige Rede. Wir finden keine süßen oder lustigen Geschichten. Wir finden keine Bestimmungen oder von Menschen festgelegten Kriterien, die erfüllt werden müssen, um in der Kirche mitzuarbeiten. Was wir lesen, ist die schlichte und einfache Botschaft des Evangeliums. Diese Botschaft war damals dieselbe; sie ist heute dieselbe; und wird morgen dieselbe sein.
Es ist eine Botschaft der Erlösung und des Heils. Jesus wurde von GOTT gesandt. Jesus starb am Kreuz für unsere Sünde und Schuld. Er wurde begraben und überwand den Tod durch die Auferstehung.
An diesem Tag vor etwa 2 Jahrtausenden wird uns gesagt, dass etwa 3.000 Menschen diese einfache Botschaft gehört und Jesus als ihren Retter akzeptiert haben und getauft wurden. Es war eine feindselige Zeit, Christ zu sein. Sie wurden von ihren Mitmenschen verspottet und verfolgt. Menschen, die sie als Freunde und Familie betrachteten, dachten, sie seien verrückt. Die Regierung hatte sich gegen sie verschworen.
Wenn man darüber nachdenkt, war es eine Zeit, die sich nicht so sehr von heute unterscheidet. Viele Menschen sehnen sich heute noch danach, die einfache Botschaft des Evangeliums zu hören, wohl eher außerhalb Europas, wo die Kirchen wachsen. Aber Christen werden immer noch in manchen Regionen der Welt öffentlich verspottet und verfolgt. Und Regierungen versuchen immer noch, Christen zu zwingen, ihre Überzeugungen aufzugeben. Was dagegen kostet es uns in Deutschland, unseren Glauben zu bekennen?
Heute feiern wir 428 Jahre Wallonisch-Niederländische Kirche. Aber wir sind Teil von etwas viel Größerem und das geht viel weiter zurück. Wir sind vereint mit dem Leib Christi, der christlichen Kirche, die von Jesus durch den Heiligen Geist gegründet wurde.
Wir tun gut daran, wenn wir uns mindestens einmal im Jahr an die Vergangenheit erinnern und auch an all die vielen guten Menschen denken, die vor uns durch diese Türen und ihr Tun zu unserer Kirche und zu unserer Gemeinschaft gekommen sind. 428 Jahre sind eine sehr lange Zeit, ... aber unsere Arbeit hier ist noch nicht getan. Wir fangen gerade erst an.
Unsere Aufgabe ist heute die Gleiche, wie sie es für Petrus an jenem Pfingsttag war. Es ist dasselbe, wie die 54 wallonischen und 54 niederländischen Gründungsfamilien dieser Kirche 1597, von denen noch eine Handvoll bis heute unserer Kirche zugehörig sind. Eine kleine Randbemerkung zum Schmunzeln: bei den ersten Familien war ein gewisser Gille Prevost et sa femme dabei – klingelt es da? Genau: scheinbar kommt der neue Papst Leo XIV doch nicht aus einer urkatholischen Familie, oder es ist reiner Zufall.
Carissimi! Wie immer schließe ich mit einem Zitat aus einem Sitzungsprotokoll von 1852 „Die Vorsehung, welche sich dahier eine Kirche wie die unsrige hat gestalten lassen, wird sie auch erhalten, wenn in ihre Glieder mehr Geist kommt, der sie gegründet hat; der Geist der sich selbst aufopfernden Liebe Jesu Christi unseres Heilandes.“
Es ist also kein Zufall, dass es unsere Kirche hier im Herzen Hanaus gibt, sondern wir sind gottgewollt und stehen unter seinem besonderen Schutz. 428 Jahre seit Gemeindegründung kommen wir auch an diesem ersten Juniwochenende zusammen, um Gott für seine Fügung zu danken, unsere Kirche gegründet und bis heute mit seinem Segen begleitet zu haben. Bitten wir ihn auch, dass er in Zukunft gnädig auf das Werk unserer Hände schauen möge.
Gott behüte und segne all unser Tun und Lassen.
AMEN
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Gehalten von Dekan Steffen Held (Rodgau-Dreieich)
„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ (Psalm 22,2-3)
Worte aus dem Buch der Psalmen, Worte unserer jüdisch-christlichen Tradition, die Menschen schon vor Jahrtausenden gesprochen haben. Worte, die Jesus am Kreuz in der Stunde seines Todes gebetet hat.
Worte aus den Psalmen, liebe Gemeinde, die uns heute zum Licht auf unserem Weg werden mögen.
Psalmen sind Gebete und somit Worte tiefer Frömmigkeit und Zeugnisse unendlichen Gottvertrauens. Auch wenn hier, im 22. Psalm, so vieles in Frage gestellt wird. Wo ist Gott, jetzt in unserer Not? Wo ist er, angesichts des Leides und des Leidens?
Doch noch ruft der Psalmbeter zu Gott. In den Psalmen bringen die Menschen das vor Gott, was ihr Herz bewegt, ihren Dank und ihre Freude, oder eben auch ihre Klage und ihre Ratlosigkeit, ihre Ängste, Sorgen und ihre Not.
Und manchmal, da verleihen uns die Psalmen Worte, in die wir einstimmen können, weil wir selbst sprachlos sind.
„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Aus tiefster Not höre ich diese Worte gen Himmel rufen. Ich bin unsicher, wie diese Worte wohl klingen - laut schreiend, voller Wut und in Anklage – oder zart hauchend, verzweifelt und weil die Kraft für mehr fehlt.
Wie auch immer wir rufen, Gott, mein Gott, es scheint doch die Hoffnung da zu sein, dass eine Antwort kommen wird. Es möge ein Zeichen kommen, dass wir, dass die Welt nicht gott- verlassen ist, sondern Gott noch eine Zukunft für uns vorsieht.
„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Worte, wie sie vor 80 Jahren vielleicht dem ein oder anderen über die Lippen gingen. Worte, die uns in den Sinn kommen, wenn wir der schrecklichen Ereignisse vor 80 Jahren hier in Hanau gedenken.
Es waren 20 Minuten, um 4.20 Uhr beginnend, die alles veränderten. Schon viele Jahre tobte der Krieg. So viel Leid war schon geschehen. Auch die Stadt Hanau musste bereits seit dem Jahr 1941 viele Luftangriffe erleben. Es war ein furchtbarer Krieg, der seinen Ausgang von deutschem Boden nahm. Ein Krieg, der aus der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus heraus so viel Leid und Tod mit sich brachte.
Die Welt ergab sich dem Regime des Nationalsozialismus jedoch nicht kampflos, und so erreichte der Krieg, der von Deutschland aus begonnen hatte, mit aller Härte nun auch die Mitte des Landes und auch die Stadt Hanau. Bei dem Fliegerangriff des 19. März 1945, der in den frühen Morgenstunden begann, wurde die Stadt quasi völlig zerstört. Die Stadt Hanau, sie wird von den Medien, die in diesen Tagen auch berichten und erinnern, als „flammendes Inferno“, „Hölle, die losbrach“, „Bombenhagel“ und „Trümmerwüste“ bezeichnet. Tote, Verletzte, Obdachlose sind zu verzeichnen.
Tausende Menschen starben allein an diesem Morgen. Für Zehntausende blieben die Folgen dieses Hanauer Morgens ein Leben lang spürbar und schreckliche Realität. Viele, viele Menschen, die zwar überlebten, doch Zeit ihres Lebens geprägt waren und sind von dem, was damals geschehen ist.
„Es war grausam, den Morgen vergess‘ ich nie,“ erzählt eine Zeitzeugin von damals, die den Angriff im Keller ihres Hauses erlebte, überlebte und dann eine Stadt sah, die nicht mehr ihre war. Die Angst sei übermächtig gewesen, es pfiff, knallte, rumorte, die Erde bebte und viele knieten auf dem Boden und beteten. Als sie den Keller nach dem Angriff verließen und brennende und zerstörte Häuser sahen, schreiende Kinder hörten, ergriff sie das blanke Entsetzen.
Heute gedenken wir zu allererst der Opfer dieses 19. März 1945 und beten für sie und ihre Angehörigen. Wir gedenken zudem der vielen Menschen, die unter Hass, Gewalt und Krieg leiden, damals und auch heute, und schließen sie in unser Gebet mit ein. Wir erinnern und gedenken. Dabei ist unser Gedenken immer auch ein Mahnen für Versöhnung zwischen Völkern und Nationen, und wir beten für den Frieden - auch heute.
Angesichts des Grauens und des Leidens über das, was wir von den Ereignissen des 2. Weltkriegs wissen, sollten wir dabei durchaus unserer Sprachlosigkeit Ausdruck verleihen und diese benennen – und auch immer wieder aushalten. Denn eigentlich gibt es keine Worte, die Krieg erklären könnten. Wenn ich die Bilder von damals sehe, wenn ich mir die Ruinen-Teile der Wallonisch-Niederländischen Kirche vor Augen führe, dann sollte ich zunächst einmal in Demut schweigen.
Im Schweigen und Gedenken treten weitere Bilder in meinen Kopf und ich muss erkennen, unser Gedenken ist nicht nur in die Vergangenheit gerichtet, sondern ist grausame Gegenwart. Auch 80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus hier in Deutschland ist die Welt keine friedliche Welt. Hass, Terror und Gewalt sind vielerorts spürbar und auch Kriege sind bittere Realität. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die kriegerischen Auseinandersetzungen in Israel und Palästina und die Bilder, die uns aus jenen Regionen erreichen, erschüttern uns.
Dabei sind es ja nicht nur Bilder – es ist das wahre Leben bzw. das, was vom Leben übrigbleibt, wenn Krieg herrscht.
Auch heute, jetzt, in diesem Moment sitzen vielleicht Menschen in einem Keller, angsterfüllt – und beten: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
So bete auch ich immer wieder und zugleich sage ich: „Mensch, mein Mensch, warum hast du nichts gelernt? Warum führst du immer wieder Kriege, warum lässt du dich von Machthunger, Hass und Gewalt leiten? Mensch, mein Mensch, warum hast du Gott verlassen?“
Dass Deutschland nach den Schrecken des Holocaust und des 2. Weltkriegs wieder Teil der europäischen Familie wurde und anerkannter Partner der freien Weltgemeinschaft, ist Ergebnis vieler Jahre und Jahrzehnte der Aufarbeitung, des Schuldbekenntnisses und der Versöhnungs- und Friedensarbeit.
Dazu gehören auch viele friedensstiftende und versöhnende christliche Initiativen, so auch Coventry und die Nagelkreuzgemeinschaft, zu der auch Ihre Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, hier zählt.
Versöhnung und Frieden geschehen nicht von selbst, wir sollen und wir müssen auch etwas dafür tun. Doch ich will es nicht allein als Imperativ, sondern auch als befreiende Botschaft formulieren: wir können etwas dafür tun. Eine Investition in den Frieden lohnt allemal mehr als in den Krieg. Wir leben in schwierigen Zeiten.
Ich bin 1975 geboren und als Jugendlicher habe ich 1994 Abitur in Frankfurt gemacht, und junger Erwachsener hatte ich den Eindruck, die Welt um mich herum werde immer besser und immer friedlicher. Ich durfte den Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer erleben, die Deutsche Einheit, Völker aus Ost und West nähern sich an und die Frage von Gerechtigkeit des Südens und des Nordens wird auch bedacht. „Alles wird gut, richtig gut,“ so dachte ich lange Zeit, „und ich darf es sogar erleben.“ War das nur jugendliche Naivität? Irgendwann, so mein Empfinden, ist da wieder etwas gekippt. Es scheinen Ungerechtigkeiten weiterhin vorgeherrscht zu haben, und Kriegslogiken weiterhin bestimmend gewesen zu sein.
In dieser Woche nun historische Abstimmungen in Bundestag und Bundesrat, die ich hier in keiner Weise bewerten möchte. Ich verweise auf diese, um die Ernsthaftigkeit der Situation zu verdeutlichen, in der wir leben. Vieles macht den Menschen Angst und Sorge. Wir haben wieder Krieg in Europa und es ist nicht sicher, dass sich dieser Krieg nicht auch ausweiten könnte. Sorge macht mir dabei auch die Rhetorik in Stil und Tonfall, welche die öffentliche Debatte zu bestimmen scheint.
Wir sprechen von Abschreckung und Drohszenarien – das hat auch seine berechtigten Gründe. Doch sprechen wir auch noch von Versuchen der Verständigung und Versöhnung? Das müssten wir doch tun, wenn unser Denken und Handeln über das Hier und Jetzt hinausreichen soll. Aus christlicher Sicht ist das so.Es scheint, als könnten wir in vielen Fragen Schuldige besser und leichter benennen als Lösungsansätze zu formulieren.
Populisten haben derzeit leichtes Spiel und etablierte Institutionen, zu denen ich auch die Kirchen zähle, die lange Zeit als Garanten für unsere Gesellschaft galten, die zum Wohl und Besten der Menschen im Gesamten handeln, haben das Vertrauen weiter Teile der Bevölkerung verloren. Wir erleben immer mehr extremistische Strömungen auf der Welt und auch bei uns und sehen wieder Männer an der Macht, deren Leitlinien mir zumindest äußerst fragwürdig erscheinen. Wir hören, dass Empathie als grundlegende Schwäche ausgelegt wird. All das macht mir Sorgen und da kann ich aus christlicher Sicht nur sagen: „Nein, so nicht! Wir haben eine Verantwortung, von Gott, für diese Welt, für seine Schöpfung und seine Geschöpfe“. Aus dieser christlichen Verantwortung heraus, die dem Leben dient, wollen wir reden und handeln. Dabei lernen wir aus unserer Geschichte. Wir haben einen Auftrag von dem, in dessen Namen wir Kirche sind.
Kyriake, der Herr der Kirche ist Christus. Es ist der, der die Herrschaftsverhältnisse auf Erden umgekehrt hat. Es ist der König der Welt, in einem Stall in Bethlehem geboren. Wir vertrauen auf den, der das Reich Gottes verkündet, uns zur Buße und Umkehr aufruft. Er, der auf alle Menschen zugegangen ist und auch um die Sünder seiner Zeit keinen weiten Bogen geschlagen hat. Im Gegenteil, er ist gekommen zur Vergebung der Sünde, zum Heil für die Welt, zur Erlösung. Es ist der, der uns seinen Frieden gibt, nicht wie die Welt gibt. Es ist der, der in der Bergpredigt auch zu uns spricht:
„Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Es ist der 19. März, wir erinnern und gedenken und beten für Versöhnung und Frieden. Zugleich sind wir als christliche Gemeinden mitten in der Passionszeit. Es ist die Zeit, in der wir in besonderer Weise des Leidens in der Welt gedenken und auch des Leidens Jesu. Wir spüren in diesen Tagen auf dem Weg zum Osterfest dem nach, was das Kreuzesgeschehen für uns und unseren Glauben bedeutet. Passion, das heißt Leidenschaft und Leiden. Aus Liebe zu uns Menschen und zu seiner Welt ist Gott den Weg bis an das Kreuz gegangen.
Jesus ist für uns gestorben, von der Welt gerichtet, hat er die Welt überwunden.
Wir können da wohl nicht alles verstehen, doch wir können als Christinnen und Christen vertrauen, dass es so ist.
„Eli, eli, lamah sabachthani – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Es ist auch eines der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz.
Jesus stirbt den Kreuzestod. Gott, der Allmächtige, er stirbt – undenkbar.
Gott, der im Himmel thront, er kennt und er erlebt Leiden, und er erfährt offensichtlich am Kreuz einen Moment der annähernden Gottverlassenheit.
Gott weiß, was Leiden heißt, weil er es selbst erlebt hat. Für mich eine der zentralen Botschaften der Passionszeit und des christlichen Glaubens.
Gott weiß, was Leiden heißt und ist bei den Menschen, auch den Opfern von Krieg und Gewalt, auch in den Bombennächten des Lebens.
Jesus betet am Kreuz zu seinem Vater. Er betet Worte seiner jüdischen Tradition. Er fragt Gott und stellt ihn in diesem Moment in Frage, und zugleich, indem er zu ihm betet, bleibt er in der Beziehung zu Gott.
Der Psalm 22 geht weiter. Dort heißt es: „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.“
Der Psalm 22 geht weiter und zeugt von der Hoffnung, dass es auch mit dem Leben weitergeht, weil Gott Zukunft ermöglicht, hier auf Erden und in seiner Ewigkeit.
Der Moment der scheinbaren Gottverlassenheit ist also nicht das Ende.
Der Tod hat nicht das letzte Wort. Darauf vertraut der Psalmbeter, darauf vertrauen auch wir.
In dieser Gewissheit betet auch Jesus zu seinem Vater.
Wir vertrauen darauf, dass unsere Toten bei Gott wohl geborgen sind.
Wir vertrauen darauf, dass Gott die Macht hat, alles zum Guten zu wenden.
Wir beten, dass er es auch tun möge, und uns hier bereits zu Werkzeugen seines Friedens und seiner Versöhnung macht.
Wir wagen – trotz allem – den Traum von Frieden und Versöhnung.
Albert Schweitzer hat einmal formuliert:
„Die höchste Erkenntnis, zu der man gelangen kann, ist die Sehnsucht nach Frieden.“
Möge Gott in uns und allen Menschen die Sehnsucht nach Frieden wachhalten – oder auch wecken.
Möge er uns Hoffnung und Zuversicht schenken, dass wir uns in Wort und Tat für den Frieden einsetzen.
Mögen wir spüren und erleben, dass Gott uns und seine Welt nicht verlassen hat und uns mit seinem Segen und seiner Liebe begleitet.
Darum bitten wir, im Gedenken der Opfer und in Hoffnung auf Frieden.
AMEN