Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
vor allem Ihr, liebe Konfirmandinnen
und Konfirmand,
werte Gäste im Tempel unseres Glaubens,
liebe Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,
als ich darüber nachgedacht habe, zu welchem Thema ich heute predigen soll, musste ich an unsere gemeinsame Zeit denken. Es war eine spannende Zeit, vor allem, weil Ihr vor vier Jahren noch ganz anders wart. So lange und teilweise noch länger sind wir gemeinsam unterwegs. Es war ein Weg, auf dem wir uns mal mehr und mal weniger gesehen haben. Konfirmandenunterricht passt ja nicht immer zu Euren sonstigen Aktivitäten.
Und so habe ich mich an ein Wesen erinnert, das wir alle wohl kennen. Und diesem Wesen hat man einen Namen gegeben, welchen es früher nicht gab und das trotzdem sofort jeder versteht. Das Wesen des „Pubertiers“ nämlich. Seit dem Buch Pubertier von Jan Weiler ist diese Bezeichnung beinahe zu einem festen Bestandteil der deutschen Sprache geworden.
Vermutlich deshalb, weil es etwas beschreibt, das viele Menschen kennen: diese seltsame Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein, in der plötzlich vieles gleichzeitig passiert und in der Menschen sich verändern — manchmal so schnell, dass weder sie selbst noch ihre Familien hinterherkommen.
Da sitzt plötzlich ein Mensch am Frühstückstisch, der früher fröhlich Geschichten erzählt hat und nun auf jede Frage nur noch mit „Hm“, „Keine Ahnung“ oder einem Schulterzucken antwortet. Türen werden energischer geschlossen als früher. Diskussionen entstehen über Dinge, die vorher völlig selbstverständlich waren. Die Stimmung kann innerhalb weniger Minuten wechseln, manchmal ohne erkennbaren Grund. Doch so lustig Erwachsene über die Pubertät manchmal reden, so anstrengend ist diese Zeit oft für die Jugendlichen selbst. Denn hinter all den Veränderungen steckt eine viel tiefere Frage: Wer bin ich eigentlich?
Und genau deshalb passt der Predigttext des Paulus so gut zu einer Konfirmation. Paulus schreibt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.“
Paulus spricht hier von Veränderung. Von einem Weg, auf dem ein Mensch nicht einfach derselbe bleibt, sondern langsam lernt, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und das Leben selbst zu gestalten. Dabei beschreibt Paulus das Erwachsenwerden nicht als etwas, das plötzlich geschieht. Niemand wacht morgens auf und ist auf einmal vollständig erwachsen. Vielmehr ist das Erwachsenwerden ein langer Weg voller Widersprüche.

Man möchte unabhängig sein — und braucht trotzdem noch Hilfe. Man möchte ernst genommen werden — und ist gleichzeitig manchmal selbst unsicher. Man möchte frei entscheiden — und merkt doch, wie schwer Entscheidungen sein können. Vielleicht ist genau das das Anstrengende an der Pubertät: Dass man nicht mehr Kind ist, aber auch noch nicht genau weiß, wie Erwachsensein eigentlich funktioniert.
Und gerade deshalb ist die Konfirmation ein besonderer Moment, denn sie bedeutet nicht einfach nur ein Fest oder schöne Kleidung oder Familienfotos. Sie bedeutet, dass junge Menschen beginnen, ihren Glauben selbst zu verantworten. Heute sprechen nicht mehr nur Eltern oder Paten für euch. Heute sagt ihr selbst Ja zu dem Weg des Glaubens. Dieses Ja bedeutet allerdings nicht, dass nun plötzlich alle Fragen verschwinden. Im Gegenteil: Oft beginnen die wichtigen Fragen erst richtig. Und Ihr braucht Geduld für Eure Zukunft.
Denn als Jesus Menschen begegnete, fragte er nicht zuerst nach Erfolg oder Stärke. Er fragte nicht danach, ob jemand perfekt war. Er begegnete Menschen mit Geduld. Und vielleicht ist Geduld überhaupt eines der schönsten Worte des Glaubens. Denn Gott hat Geduld mit Menschen, mit uns Erwachsenen, mit Euch Jugendlichen. Mit jedem von uns. Das bedeutet nicht, dass Gott alles egal ist. Aber es bedeutet, dass Gott Menschen Zeit gibt zu wachsen.

Denn Wachstum geschieht nie vollkommen gerade. Ein Baum wächst nicht wie mit dem Lineal gezogen. Er bekommt Äste, Narben und manchmal auch krumme Stellen. Trotzdem wächst er weiter. Genauso wachsen Menschen. Auch Ihr werdet Fehler machen. Ihr werdet Entscheidungen treffen, die sich später als falsch herausstellen. Ihr werdet Zeiten erleben, in denen Ihr zweifelt — vielleicht sogar an Gott selbst.
Ihr Lieben, Ihr lebt in einer Zeit voller Möglichkeiten — aber auch voller Erwartungen. Viele Wege stehen euch offen. Und gleichzeitig kann genau das überfordern. Die Konfirmation sagt Euch heute nicht: „Jetzt müsst Ihr perfekt sein.“ Sondern sie sagt: Ihr dürft Euren Weg mit Gott gehen.
Darum ist die Konfirmation auch kein Endpunkt. Sie ist ein Anfang. Ein Schritt auf einem langen Weg des Suchens, Lernens und Wachsens. Und vielleicht werdet Ihr irgendwann rückblickend merken: Gott war längst da, auch in den chaotischen Zeiten. Auch in den unsicheren Zeiten. Auch mitten im „Pubertier“. Denn Gottes Liebe endet nicht dort, wo Menschen kompliziert werden. Gerade dort beginnt sie oft besonders sichtbar zu werden.
Darum wünsche ich Euch nicht ein perfektes Leben. Kein Mensch hat das. Aber ich wünsche Euch Vertrauen, Menschen, die euch begleiten, Mut für Entscheidungen, Geduld mit Euch selbst. Und die Gewissheit, dass Gott Euch niemals verlässt.
Ihr habt Euch für Eure Zukunft einen der Bibel als Konfirmationsvers ausgesucht und es sind wertvolle Wörter, die mit Euch unterwegs sein werden. Liebe Avery, Du hast Dir ein Wort aus den Psalmen ausgesucht: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir.“ (Psalm 139, Vers 5)
So musst Du nicht alles allein schaffen und nicht immer stark sein. Gott sieht Dich mit allem, was Dich freut, aber auch mit dem, was Dich traurig oder unsicher macht. Wenn in Deinem Leben vieles unübersichtlich wird, darfst Du darauf vertrauen, dass Gott Dich begleitet und seine schützende Hand über Dir hält. Er geht mit Dir durch gute und schwere Zeiten und lässt Dich niemals allein. Darum kannst Du mutig Deinen eigenen Weg gehen.
Du, liebe Greta, hast ein Wort aus dem Buch der Sprüche, welches schon Dein Taufvers an Ostern war: „Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein, Besonnenheit wird dich bewahren und Einsicht dich behüten.“ (Sprüche 2, 10-11)
So möge Gott Dir nicht nur Wissen schenken, sondern auch Weisheit für Dein Leben. Er hilft Dir, gute Entscheidungen zu treffen und Deinen eigenen Weg mit Mut und Besonnenheit zu gehen. Gerade in einer Welt voller Möglichkeiten und Meinungen darfst Du darauf vertrauen, dass Gott Dir Einsicht schenkt und Dich begleitet. Seine Weisheit kann Dir Orientierung geben, wenn Du unsicher bist, und Dich bewahren, wenn schwierige Entscheidungen vor Dir liegen. So darfst du wachsen – im Vertrauen, im Glauben und im Leben.
Aus dem 1. Samuelbuch ist Dein Konfirmationsvers, liebe Hannah: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16, 7) Menschen achten oft zuerst auf Aussehen, Erfolg oder darauf, wie jemand wirkt. Gott aber sieht tiefer: Er kennt Dein Herz, Deine Gedanken, Deine Wünsche und auch das, was andere vielleicht gar nicht wahrnehmen.
Deshalb musst Du Dich vor Gott nicht verstellen oder perfekt sein. Du bist wertvoll, nicht wegen Deiner Leistungen oder Deines Aussehens, sondern weil Gott Dich liebt und kennt, wie Du wirklich bist. Darauf darfst Du vertrauen – jeden Tag neu.
Und schließlich einer meiner Lieblingsverse aus Markus für Dich, lieber Moritz: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Markus 9, 23) Dieser Vers bedeutet nun nicht, dass automatisch alles im Leben klappt oder dass es keine Grenzen gibt. Es heißt vielmehr, dass der Glaube dir Kraft geben kann, auch schwierige Situationen anzugehen, in denen du sonst vielleicht aufgeben würdest.
Wenn du vertraust, dass Gott dich begleitet, kannst du mutiger Entscheidungen treffen und auch Rückschläge besser aushalten. Glaube kann dir helfen, nicht nur auf das zu schauen, was gerade unmöglich scheint, sondern auf neue Wege, die sich vielleicht erst noch zeigen. Dabei geht es nicht um „alles schaffen“, sondern darum, nicht allein zu sein. Und genau daraus kann Hoffnung und Stärke wachsen. Heilige Gottes, das war es nun fast wieder mit meiner Predigt. Und es ist gute Sitte, dass ich seit 19 Jahren am Ende immer einmal kurz auf mein eigenes Leben eingehe. Ich wurde vor 5 Dekaden an Pfingsten in einem unbedeutenden Dorf namens Lorsbach in Hessen am Schwarzbach geboren. Auch meine Eltern haben die Tradition fortgeführt und mit meinen Zweitnamen an Wilhelm von Oranien erinnert, der den Calvinismus in den Niederlanden verteidigte.
Von meinem Berufswunsch Pfarrer waren zunächst nicht viele überzeugt, die Berufsberatung beim Arbeitsamt schlug sogar vor, ich sollte Gärtner werden, zumindest ist mein Büro in der Gärtnerstraße gelandet.
Nach all diesen Jahren meiner Glaubensreise, bin ich nicht immer stark, sondern manchmal auch unendlich schwach im Glauben. Ich habe meine Zweifel und auch über meinem Leben scheint nicht immer die Sonne Gottes. Aber ich habe dennoch Gottvertrauen, wie es mir mein eigener Konfirmationsvers sagt, der im 86. Psalm steht: „Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“

Ja, geht auch Ihr Euren Weg, seid Ihr Selbst, werdet Erwachsen, aber bleibt auch irgendwie Kinder im Herzen, kleine Pupertiere, mit denen manchmal die Nerven und Hormone durchgehen. Geht hinaus in diese Welt, entdeckt die Ziele Eures Lebens und seid dabei gewiss, hier, an diesem Heiligen Ort, seid Ihr immer willkommen.
Daran glaube ich, davon predige ich und bezeuge es im Namen Jesu Christi. AMEN
– es gilt das gesprochene Wort –