Gehalten von Pfarrerin Christina Schultheis (Ev. Kirche Steinheim)
Vom guten Kampf des Glaubens

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN.

Liebe Brüder und Schwestern im HERRN,

ein elfjähriger Junge war er damals. Er erinnert sich noch gut, an diese Nacht des 19. März 1945 vor 81 Jahren. An den Motorenlärm der Flugzeuge und das Poltern der Phosphorbomben. „Es war ein riesiges Getöse. Das Licht ging aus. Staub, Steine und Dreck kamen durch das ungeschützte Fenster hineingeflogen... Es klang, als ob man Teerfässer eine Treppe herunterrollt. Um 4.20 Uhr fielen die Bomben ohne vorherigen Alarm. 20 Minuten später stand Hanau in Flammen. Taghell war die Nacht. Bilder, die ich heute noch vor Augen habe“, so erzählt es ein Zeitzeuge, der unserer Ev. Kirchengemeinde in Steinheim angehört. Auf dem Tisch vor sich ein ganzer Aktenordner mit Erinnerungen, die er für seine Söhne dokumentiert und gesammelt hat. Neben dem 19. März 1945 finden sich darin auch Bilder des Stadttheaters, das beim Bombenangriff wenige Wochen zuvor, am 6. Januar 1945 ausbrannte und Eindrücke des 10. November 1938, der Reichspogromnacht, als die Synagoge in der Nordstraße in Flammen aufging.

Die Zeitzeugen, so sie heute noch leben und von ihren Widerfahrnissen inmitten des Krieges erzählen können, sie waren damals Kinder. Das, was sie erlebt haben – ein Gepräge für ihr gesamtes Leben. Die Schrecken des Krieges, die Erfahrung von unsäglichem Leid, Tod und Zerstörung. Die Macht der Bilder in ihren Köpfen. Es sind gerade diese – ja, so schmerzvollen, zugleich so wichtigen Erinnerungen, die uns nicht unberührt lassen dürfen, als Menschen. Erinnerungen, die es zu bewahren gilt. „Werden Sie die Zeitzeugen, die wir nicht mehr lange sein können!“, so appellierte die im vergangenen Jahr verstorbene Holocaust-Überlebende Margot Friedländer. Dabei genügt es nicht, die Erinnerung nur wach zu halten.

Es ist unser aller Auftrag und Herausforderung, aus der Geschichte zu lernen. Unsere Gegenwart zu gestalten. In der Hoffnung auf ein Morgen, auf eine Zukunft, die friedvoller sein möge als das Heute. Wir tun dies im Angesicht von Krieg und Gewalt.

Wir sind konfrontiert mit täglich neuen Nachrichten, die Ausdruck einer friedlosen Wirklichkeit sind. Und das an so vielen Orten dieser Erde. Das, was wir hofften, was nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert nie wieder geschehen würde, ist eingetreten. Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Unser Blick ist dieser Tage gleichsam sorgenvoll auch auf den Nahen und Mittleren Osten gerichtet. Wieder einmal. Ein rasches Ende: nicht in Sicht. Zeitgleich Meldungen nahezu täglich von Angriffen auf Synagogen und jüdische Einrichtungen weltweit. Was sei an der Stelle noch alles zu nennen...

Die gegenwärtigen Berichte von massiven militärischen Luftschlägen und Raketenangriffen, gehäuft in der Nacht und in den frühen Morgenstunden, um – wie es heißt – Überraschungseffekte zu nutzen, sie erinnern in erschreckender Weise an die dunkelsten Stunden unserer Geschichte. Ähnlich wie damals vor 81 Jahren, am 19. März 1945, als unsere Stadt bei einem Luftangriff der britischen Royal Air Force mit 280 Bombern innerhalb von nur zwanzig Minuten nahezu vollständig zerstört wurde – einer Trümmerlandschaft gleich. Mehr als 2.000 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben. Die Auswirkungen und Folgen des Bombardements, die Wunden und Vernarbungen sind bis heute Teil unserer Stadtgeschichte und Erinnerungskultur.

Ähnlich wie damals in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940, wenige Jahre zuvor, beim Angriff „Operation Mondscheinsonate“ der deutschen Luftwaffe mit über 500 Bombern auf die Stadt Coventry in Mittelengland. Eine Bombardierung, welche die ganze Nacht über andauern sollte. Das Nagelkreuz aus der St. Michael’s Cathedrale von Coventry – zusammengesetzt aus drei großen Zimmermannsnägeln aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale – es ist in der Folge zu einem weltberühmten Symbol für die völkerweite Versöhnung und dem Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg geworden.

Die Welt, sie lag damals in Flammen. Und sie tut es auch heute an vielen Orten dieser Erde. Mit jedem Tag sterben mehr Menschen, verlieren ihr Zuhause und ihre Heimat. Kinder verleben ihre Kindheit im Krieg. Wir sehen nicht enden wollende Gewaltspiralen, Macht und Ohnmacht. Menschliche Abgründe. Bilder von unsäglichem Leid, von Tod und Sterben. Völkerrechtsverletzungen. Wir hören Geschichten von Menschen, die alles verloren haben. Was bleibt diesen Menschen, die oft schutzlos zwischen die Fronten geraten inmitten von Krieg und Zerstörung?

Teil der Wahrheit ist auch, dass mit jedem weiteren Tag kriegerischer Auseinandersetzungen die Hoffnung auf einen nahenden Frieden, einen die Welt umspannenden Frieden, ein Stück mehr schwindet. Das gilt für die unmittelbar betroffenen Menschen. Das gilt für viele Menschen, die sich mit Kriegsgeschehen und bewaffneten Konflikten beschäftigen – sofern sie noch bereit sind, die Nachrichten und Bilder an sich herankommen zu lassen. Denn auch unser Verständnis von Sicherheit, unsere ethischen Überzeugungen, unser Glaube an das Gute – all das ist tief erschüttert. Eine große Zäsur, sagen die einen. Eine Zeitenwende, die anderen.

Dabei werden Fragen laut und in Teilen auch kontrovers diskutiert: „Andere vor Gewalt schützen – mit allen verfügbaren Mitteln, um noch größeres Leid zu verhindern? Ist es dann legitim, dass Menschen Böses tun und Gewalt anwenden, um schlimmeres Unheil zu verhindern? Und wenn ja, welche Rechtfertigung ist dafür zulässig? Kann Krieg gerecht sein oder ist die Rede vom gerechten Krieg nicht ein Widerspruch in sich selbst?

Gewissermaßen als Gegenpol stelle ich daneben diese Fragen: Was kann ich tun? Was können, was sollen und müssen wir tun? Wofür kämpfen wir? Und wogegen? Kämpfen wir überhaupt und wenn ja, manchmal an der einen Stelle zu viel, an anderer vielleicht zu wenig? Und welche Waffen kommen dabei eigentlich zum Einsatz?

In der Friedensvision des Propheten Micha, die wir eingangs als Lesung gehört haben, werden Kriegswaffen zu Werkzeugen für die Neuwerdung und Bewahrung des göttlichen Schöpfungswerkes. „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. [...] Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen,“ heißt es dort. Misstrauen, Härte und Vergeltung müssen verlernt und abgelegt werden. Friedfertigkeit soll eingeübt, Frieden soll gestiftet werden. Ein zeitloser Auftrag. Ein zeitloses Ziel der Menschheit hier auf Erden.

Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln. Von einer Waffenrüstung – nicht materiell, sondern geistlich – lesen wir auch im Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Ephesus. Dort steht im sechsten Kapitel sinngemäß geschrieben (Eph 6,10-17): Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes. Ergreift sie, leistet Widerstand, überwindet alles und behaltet das Feld. Steht fest, umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit. Beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Ergreift den Schild des Glaubens und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. So der Appell im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus. Ein Appell auch an uns heute. Gerade an uns. An einem Tag wie diesem. In einer Zeit wie dieser. Und weit darüber hinaus.

Es geht Paulus um die Orientierung am Gott der Bibel, an seiner Schöpfung, die Gott in seiner Hand hält. Seine Schöpfung, die er ein Stück weit und auf Zeit uns Menschen in die Hände legt. Aber nicht, damit wir Leben zerstören, vernichten und niederreißen – sondern damit wir im Glauben, mit Vertrauen und der Hoffnung auf Gottes Wort an dieser Welt mit bauen. Mit Pflugscharen und Sicheln. Mit einer geistlichen Waffenrüstung, die auf unserem Glauben an Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, gründet. Dem Friedefürst, der seinen Jüngern kurz vor seiner Kreuzigung in einer seiner Abschiedsreden verspricht: „Meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh 14,27).

So ist das Evangelium Jesu Christi ein Evangelium des Friedens, das zum Kampf aufruft – nicht gegeneinander sondern um den Frieden. Es ist „der gute Kampf des Glaubens“, den wir kämpfen sollen. Zu dem wir „berufen“ sind (1. Tim 2,16). Zu dem wir aufgerufen sind. Damit wir nicht zerstören, was Gott zum Leben gedacht hat. Damit wir sprechen, was wahr ist. Damit wir Worte finden, die verbinden. Bleibend, hoffnungsvoll. In allem. Trotz allem. Genau hier brauchen wir die Waffenrüstung Gottes. Den Gürtel der Wahrheit – gegen Verdrehung und Lüge. Den Schild des Glaubens – gegen Misstrauen und Angst. Und das Schwert des Geistes – das Wort Gottes, das Leben schafft. Ein Wort, das aufrichtet. Ein Wort, das Versöhnung möglich macht.

Denn aus unserem christlichen Glauben heraus zu leben, bedeutet immer auch, Betroffenheit zu fühlen, wenn einem anderen Menschen Gewalt und Unrecht widerfährt. Aufzustehen statt still zu halten, hinzuschauen statt wegzusehen, sich zuzuwenden statt abzukehren. Darin – und genau an dieser Hoffnung halte ich fest – liegt sie: eine Chance auf eine friedvollere Welt, die uns von Gott auf Zeit ein Stück weit anvertraut und in die Hände gegeben ist. Von unserem Gott, der verheißt: „Siehe, ich mache alles neu.“

Ich wünsche uns, dass wir im Glauben und aus ihm heraus es wagen zu hoffen. Immer und immer wieder neu. Möge diese Hoffnung uns Kraft geben, mutig und entschlossen für Versöhnung und Frieden, für Freiheit und Gerechtigkeit, für das Leben einzutreten. Wider alle zerstörerischen dunklen Mächte dieser Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.

-es gilt das gesprochene Wort-