Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
liebe Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,

im Kirchenjahr beginnt nach dem Weihnachtsfest die Epiphaniaszeit. Epiphanias ist das Gedenken an die Offenbarung der Göttlichkeit Jesus Christi. Es ist das Fest der historisch greifbaren Erscheinung Gottes in Jesus Christus, der Herrlichkeit Gottes, die uns im Leben und im Wirken Jesu offenbart wurde.

Das hört sich nun sehr theoretisch an. Vereinfacht kann man sagen: Christus hat seine ersten Auftritte in der Welt. Während er an Weihnachten noch hilflos als Baby in der Krippe liegt, handeln die biblischen Texte der Epiphaniaszeit z.B. vom jungen Jesus im Tempel. Es geht also quasi um den heranwachsenden Jesus, der immer mehr seine Rolle findet.

Nach seiner Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt war es an der Gemeinde Christi, auch ihre Rolle (als neue Religionsgemeinschaft) zu finden. Kinderkrankheiten hatten sich breitgemacht. Das ist der Hintergrund, vor dem wir den heutigen Predigttext aus dem Korintherbrief gehört haben. Er steht als Grunderfahrung der Botschaft vom Gottessohn, der für uns in diese Welt gekommen ist.

Und so erklärt der Apostel Paulus, was eine Gemeinde ausmacht, die an den Gekreuzigten und Auferstandenen glaubt. So eine Gemeinde nennt die Gewalt öffentlich beim Namen und baut eine Gemeinschaft auf, die Gottes Gerechtigkeit verwirklicht. Die Gerechtigkeit unterbindet Privilegien der Mächtigen auf Kosten anderer Menschen und möchte allen gleichermaßen Chancen eröffnen.

Mit diesen Gedanken macht Paulus den Geschwistern in Korinth Mut. Denn in der Gemeinde in Korinth gab es mehr Schwache als Starke, mehr Ungebildete als Gebildete, mehr Ohnmächtige als Mächtige. „An die in Christus Geheiligten“ so fängt er seinen Brief an die Korinther an. Heilige, bei denen es recht unheilig zugeht. Sie streiten sich ums Geld und darum, wer Recht hat im Glauben, wer der bessere Christ sei. Sie streiten sich darüber, wer der Wichtigste, der Klügste, der Frömmste und der Erfolgreichste sei. Paulus schreibt dazu: „was töricht ist vor der Welt, was schwach ist und gering – das hat Gott erwählt.“

Der Apostel ist ein Meister des Wortes, einer, der zwar nicht zu den Schönen und Reichen zählt, aber doch zu den Klugen und Einflussreichen. Und so hat er eine handfeste Ermahnung an die heillos zerstrittenen Korinther. Eine wahre Standpauke hält er ihnen: „Ihr, die ihr meint besonders stark zu sein - achtet die anderen, die Schwächeren, die Hafenarbeiter, die Sklaven. Seid nicht überheblich, nur weil ihr gebildeter seid.“ Er zeigt ihnen auf, was sie alles falsch machen. Sie schauen auf die Taugenichtse, die Habenichtse herab, auf die Menschen ohne Rang und Namen. Auf Menschen, die Gewalt erfahren haben, auf die Menschen, an denen das Leben vorbeizieht.

Das Leben in Korinth war damals ungesund und hart. Die Wohnungen der Armen jenseits der Prachtbauten hatten keine Küche, keine Abwasserversorgung, manche auch keine Fenster. Der Schmutz erstickte die Straßen. Nur die Hälfte der Neugeborenen erreichte das 10. Lebensjahr.

Meine Lieben, hätten wir dort leben mögen? Bestimmt nicht. Doch die Menschen in Korinth sind ehrlich und strengen sich an. Aber auch dafür werden sie verachtet. Wer von seiner Hände Arbeit lebt, gilt nichts angesehen ist nur Kopfarbeit. Von Menschen verachtet sein und doch vor Gott gut dastehen. Das könnte der Leitspruch der Gemeinde in Korinth sein.

„Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist“ schreibt deshalb Paulus. Gott hat schon immer Partei ergriffen für die Armen, die Niedrigen, die Geringen, genau wie es die Geburt des Gottessohnes Jesu als hilfloses Kleinkind in armseligen Verhältnissen zeigt.

In den Lobgesang der Maria, dem Magnifikat, könnte auch Paulus einstimmen: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Für Korinth bedeutet das konkret: Es entzaubert und entmachtet die Leute, die in der Gesellschaft Privilegien haben - auch die wenigen, die vielleicht der Gemeinde angehören. Damit eröffnet sich auch für sie ein Weg der Befreiung von ungerechten Strukturen.

Wenn wir die Zustände in Korinth in die heutige Zeit übertragen, dann passt doch oftmals die Erfahrung, nichts zu gelten, arm und verachtet zu sein, auch an manchen Ort in unsre Zeit. In vielen Städten gibt es Brennpunkte, in denen sich Kriminalität ballt, und sich abends niemand mehr auf die Straße traut. Die Debatte um das Stadtbild vergangenes Jahr hat uns darauf aufmerksam gemacht.

Viele Menschen, die als arm gelten, bedienen sich mit Lebensmitteln bei den Tafeln, traurigerweise werden es immer mehr. Und der Staat ist stolz über so viel ehrenamtliches Engagement. Das ist auch lobenswert, aber das müßte anders gelöst werden.

Oder die Bildung in unsrem Land: Dass Kinder aus ungebildeten und armen Elternhäusern nicht die gleichen Chancen haben, wie Kinder, die aus gut situierten und gebildeten Elternhäusern kommen. Natürlich sind auch manche Eltern schuld an der Misere, weil sie sich nicht genug kümmern um ihre Kinder, manche können es aber auch einfach nicht, wenn auch bei ihnen bereits das Bildungssystem versagt hat.

Wir könnten hier die Liste wahrscheinlich unendlich erweitern, wenn wir auf die ganze Welt schauen. Und Sie alle kennen Beispiele, die Sie sicherlich anfügen könnten, wo Dinge in ihrem Leben oder in ihrem Umfeld ungerecht und aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Doch sie und wir alle gehören zum Leib Christi. Gott entscheidet sich für das Geringe, für das Elend, für das, was andere verachten. Gott entscheidet sich für die Armseligen und Bedrückten, für die Mühseligen und Beladenen: das können wir immer wieder in der Bibel lesen – und das trifft übrigens Arme und Reiche gleichermaßen!

Wo finden wir uns heute Abend in diesen Worten des Apostels Paulus wieder, liebe Gemeinde? Auch wir fühlen uns doch manchmal schwach und stehen manches Mal dumm da, am Ende mit unsrer Weisheit und unserem Können, ja auch manches Mal am Ende mit unserem Glauben in die Menschheit und Gott selbst, wenn wir nur an all die Kriege und Konflikte denken.

Paulus ermutigt uns aber dennoch, uns zu entscheiden. Nämlich, ob ich denke, ich bin einem blinden Schicksal ausgeliefert. Oder aber glaube, daß ich unter dem Schutz eines gnädigen Gottes lebe, der mich liebt und annimmt, so wie ich bin. Und der mir auf keinen Fall mehr zumuten wird, als ich tragen kann. Dieser Gott wird mir die Kraft geben, dieses Leben zu leben.

Dies verhindert bei unserem Glauben nicht den Zweifel. Und manchmal gesellen sich in dunkler Nacht Selbstzweifel dazu, dass mein Leben wertlos und spurlos ist, angesichts der Menschen, denen es besser geht und die erfolgreicher sind.

Aber dann dämmert der Tag. Und im Tageslicht sind solche Gefühle der Sinnlosigkeit und Verzweiflung über das Leben fast vollständig verschwunden, weil jeder neue Tag neue Chancen bereithält, wenn wir nur wachsam sind, sie auch zu ergreifen. Und was für einen Tag gilt, das gilt auch für ein ganzes neues Jahr, welches wir vor nicht einmal zwei Wochen begrüßt haben.

Und da tut es doch gut, nochmals an die Jahreslosung für 2026 zu erinnern, wenn es in der Offenbarung heißt: „Siehe, ich mache alles neu!“ Einiges an Neuem in 2026 wissen wir bereits: Der Mindestlohn steigt auf 13,90 € pro Stunde. Das Deutschlandticket wird teurer, die Renten werden im Sommer steigen, ebenso das Kindergeld. Junge Männer werden Post von der Bundeswehr bekommen und das Schnitzel im Restaurant wird nur noch mit 7% Mehrwertsteuer besteuert. Und auch bei Kirchens wird die Arbeit an neuen Strukturen weitergehen.

Aber dieses Neue ist alles von Menschen gemacht. Das Neue der Jahreslosung kommt von Gott, der uns zuspricht: „Siehe, ICH mache alles neu!“ Das ist ungeheuer entlastend: nicht ich selbst muss mich immer wieder neu (er-)finden, muss eigene, neue Wege gehen, sondern darf gespannt sein, wohin mich Gottes neue Wege führen werden. Ist ein solches Gottvertrauen töricht vor der Welt, wie es Paulus im heutigen Predigttext schreibt?

Dazu eine kleine Geschichte zum Schluss, die ich im Internet fand. Ich habe sie bereits beim Neujahrsgebet erzählt, wurde aber mehrmals darauf angesprochen, also noch einmal: Damals versammelten sich im Himmel zum Jahresende pünktlich alle am Jahreswechsel Beteiligten, jeder streng nach seiner Rangordnung platziert. In der ersten Reihe war dem eben eintreffenden Alten Jahr ein Ruheplatz bereitgestellt worden. Gleich daneben stand ein zweiter Sitz noch leer – jener für das zu begrüßende Neue Jahr. Anfangs dachte sich keiner etwas dabei, waren doch alle überpünktlich erschienen.

Einer nach dem andern wurde aber etwas unruhig. So schwärmte Groß und Klein aus und hielt Ausschau, ob sich das Neue Jahr nicht etwa hinter einem vergessenen Stern versteckt hätte.

Nach Minuten verzweifelter Suche wurde es endlich aufgespürt. In einem kleinen Winkel gleich neben der Himmelspforte hatte es sich verkrochen.
„Was hast Du dir dabei nur gedacht”, wollte der heilige Petrus leicht ungeduldig von ihm wissen, „Du bringst mit deinem Verhalten den ganzen Weltenlauf durcheinander!” – „Ich hatte etwas Angst”, erwiderte das Neue Jahr leise. Seht, alleine soll ich während dreihundertfünfundsechzig Tagen die Verantwortung für die ganze Welt tragen. Wenn ich nun einen Fehler mache? Wenn ich etwas übersehe oder vergesse? Diese Verantwortung ist zu viel für mich allein.”

Der heilige Petrus nickte, dachte kurz nach und antwortete dann verständnisvoll: “Die ganze Verantwortung zu tragen ist gewiss eine große Aufgabe. Fehler können geschehen und bleiben nicht folgenlos, auch das ist richtig. Aber ich bin überzeugt, mein liebes Neues Jahr, dass gerade Du am besten dazu geeignet bist. Du bist frisch an Kräften, gänzlich unverbraucht und noch voller Hoffnung. Es kommt nicht darauf an, die beste Lösung immer gleich zur Hand zu haben. Viel wichtiger ist es, das Du all es aus Liebe zu den Menschen tust und mit der guten Absicht, nicht leichtfertig mit Deiner Zeit umzugehen. Ich glaube, gutes Neues Jahr, ein besseres Jahr als Dich hätte zurzeit niemand finden können.

Und eines soll Dir Mut machen: Auch wenn Du nicht fertig wirst mit Deiner Arbeit, es kommt nach Dir wieder ein Neues Jahr. Manche Dinge brauchen Zeit und machen viel Mühe, aber einmal müssen sie begonnen werden. Das ist nun Deine Aufgabe.”

Das Neue Jahr blickte in die Runde, wo sich in jedem Blick Erwartung und Ermutigung spiegelte. Es nickte dem heiligen Petrus zu, der nahm das Neue Jahr an der Hand und führte es entschlossen zur Himmelspforte.

Die Zeit war knapp geworden. Schnell wurde für die Arbeit des alten Jahres gedankt, und die Himmlischen gaben dem Neuen letzte gute Ratschläge mit auf den Weg. Damit begann es dann endgültig, dieses neue Jahr…

Jeden Tag aufs Neue in diesem angebrochenen Jahr sind wir also frei, alte Zöpfe und Gewohnheiten abzuschneiden und einen neuen Weg einzuschlagen. Da wird hoffentlich das Gute mächtig werden und die Gnade auch gegenüber uns selbst, groß werden. Paulus Worte machen Mut und bauen auf. Denn was töricht ist vor der Welt, was schwach, gering und verachtet ist, das hat Gott erwählt.

AMEN