Gehalten von Pröpstin Sabine Kropf-Brandau (SKB), Pfarrer Torben W. Telder (TT) und Dechant Andreas Weber (AW)
(TT) Liebe Schwestern und Brüder im HERRN, wenn das nun mal keine gute Gelegenheit ist, eine dogmatische Betrachtung zum Thema Dreieinigkeit zu machen, wo doch so viele Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden und Kirchen hier versammelt sind. Da kann die Theologie doch endlich einmal damit glänzen, was sie in den vergangenen Jahrhunderten alles formuliert hat.
(AW) Lieber Herr Kollege, darf ich gleich unterbrechen. Ich weiß, als Reformierter mögen Sie lange Predigten, aber dafür ist doch keine Zeit. Und wir wollen doch auch eher nach vorne schauen, wo wir als Christen unterwegs sein wollen.
(SKB) Da kann ich meinem Kollegen nur zustimmen. Wie wäre es, wenn Sie die Bedeutung von Gott-Vater für die Kirche einmal betrachten.
(TT) Moment, so alt sehe ich nun auch nicht aus. Dafür wäre Dechant Weber doch eher geeignet, schließlich ist er ja auch schon viel länger Pfarrer.
(AW) Nein, nein, da lasse ich Ihnen gerne den Vortritt und betrachte selbst die Bedeutung Jesu für die Kirche.
(TT) Super, da würde ich gleich aus der Sicht des Vaters sagen, dass es doch wohl nicht sein kann, wenn man von Ewigkeit zu Ewigkeit nur einmal einen Sohn gezeugt hat und schon kommt der mir altklug entgegen.
(SKB) Moment: als Gott-Vater haben Sie nur einen Sohn in all der Zeit gezeugt, und sonst keine Nachkommen?
(TT) Eine gute Frage, liebe Frau Kollegin. Natürlich Ist Gott Schöpfer und Vater von Adam und Eva samt vielen Nachkommen. Und dann hat er sich das Volk Israels als erste große Liebe erwählt, die bis heute nicht erkaltet ist.
(AW) Gut geantwortet, aber schon wieder sehr theologisch. Ich bring‘s mal auf eine mathematische Formel: 1 + 1 + 1 = 1. In Mathe gäbe es da eine 6 oder null Punkte. In Reli stimmt’s.
(TT) Ja, schon verrückt dieser Glaube. Seit über 2000 Jahren sind Menschen ergriffen von der Botschaft Gottes, die vor aller Zeit von Gott den Menschen anvertraut wurde, die dann durch Jesus Christus angreifbar wurde und die durch den Heiligen Geist noch immer lebendig ist.
Dass wir Gott Vater nennen, ist eine wichtige Aussage für unseren Glauben, und auch, wie wir Kirche sein wollen. Natürlich gibt es Menschen, die schlechte Erfahrungen mit ihrem biologischen Erzeuger gemacht haben. Aber dieses Bild möchte uns alle einladen, an einen Ort zu kommen, an dem wir willkommen sind und angenommen werden, mit all unseren Problemen und Zweifeln, so wie wir eben sind.
Eine Kirche, die den Menschen ausgrenzt, ist nicht im Sinne des Vaters. Und ja, das kann in unseren Gemeinden zu Spannungen führen, wenn sich alt und jung, reich und arm, links und rechts, fromm und liberal, katholisch, evangelisch, freikirchlich und viele mehr begegnen. Aber auf solchen Spannungen liegt auch ein Segen.
Es gibt ein schönes Kinderlied von Daniel Kallauch, welches für mich ein Bild einer offenen, einladenden und zukunftweisenden Kirche ist. Dort heißt es:
„Willkommen – Hallo, im Vaterhaus
Kinder kommt rein, ja, die Tür steht weit auf
Willkommen – Hallo, im Vaterhaus
Schön, dass du da bist, fühl dich wie zu Haus.
Komm so wie du bist – ins Vaterhaus
Was bringst du heut mit – ins Vaterhaus
Gottes Liebe ist hier, hell und warm
Der Vater wartet schon, nimmt dich in den Arm.“
(AW) Zumindest nicht auf den Arm, sondern in den Arm. Woher wissen wir das denn eigentlich so genau? Es gibt einen Vater und das schon immer. Der Hinweis auf die Juden, unsere älteren Geschwister stimmt da. Wir wissen es, weil Gott sich selbst gezeigt hat. Er hat einen Weg zu den Menschen gesucht und auch gefunden.
In Jesus Christus zeigt er sein wahres Gesicht. „Wer mich sieht, sieht den Vater. Ich und der Vater sind eins!“, sagt er im Johannesevangelium. Sein ganzes Leben gibt Zeugnis vom Vater im Himmel. Gott wird Mensch, einer von uns und bleibt doch Gott. Niemand hätte sich das ausdenken können. Der Mensch sucht nach Gott und will ihn beschreiben.
Hier ist es umgekehrt. Gott findet einen Weg zu den Menschen. Offenbarung:
Er offenbart von sich aus: So bin ich. In Jesus bedeutet das die Liebe. Sie durchdringt alles. Den ganzen Lebensweg Jesu bis zum Kreuzweg und seinem Sterben am Kreuz.
Besonders auch in seiner Auferstehung. Er stirbt wie jeder von uns. Aber er kommt zum Leben. Und das schenkt er jedem von uns. Jesus ist der Weg zum Vater im Himmel („Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“).
(SKB) Lieber Kollege, mir gefällt vieles von dem, was sie ausgeführt haben, besonders das mit der großen ersten Liebe und dem Willkommensein in aller Verschiedenheit, aber ich möchte an dieser Stelle doch hinzufügen, dass es durchaus Bibelstellen gibt, wo die mütterlichen Züge Gottes zum Ausdruck kommen. Aus diesem Grund wird ja auch oft statt vom Heiligen Geist von der Geistkraft gesprochen. Nur so ist das Bild für mich komplett.
(TT) Liebe Frau Kollegin, warum überrascht es mich nun nicht, dass gerade Sie als Frau diesen Punkt einwerfen. Und tatsächlich haben Sie Recht, wenn Sie die Geistkraft nennen, denn der Heilige Geist ist im hebräischen weiblichen Geschlechts. Und auch dieses Willkommensein bzw. das Erbarmen Gottes ist weiblichen Ursprung. So heißt es beim Propheten Jesaja „Denn so spricht der HERR: Siehe,…, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 66, 12+13)

(AW) Genau: Gott hat beide Züge: mütterliche und väterliche. Wichtig ist die Liebe, die alles zusammenhält. Und da sind wir mitten drin.
In einem Tagebucheintrag einer Mutter wird das deutlich: Sie hat alle interessanten Ereignisse ihres kleinen Jungen in einem Tagebuch aufgeschrieben. Als der Junge etwa zweieinhalb Jahre alt war, besuchte sie ihre eigne Mutter in Berlin zum 80. Geburtstag. Am Bahnhof kaufte sie einen schönen großen Blumenstrauß. Die Mutter wohnte im dritten Stock eines Berliner Mietshauses. Die beiden gehen die Stufen hinauf. Die Mutter drückt ihrem kleinen Sohn, der an diesem Morgen nicht gut drauf ist, den Blumenstrauß in die Hand und stellt ihn vor die Tür der Großmutter, klingelt und versteckt sich an der Seite. Das Geburtstagskind öffnet, sieht ihren Enkel und den Blumenstrauß und versteht sofort:
Es ist die Liebe ihrer Tochter, die ihr in diesem Bild entgegenkommt. Im Tagebuch ergänzte die Mutter. Der Kleine überreichte den Strauß an die Großmutter mit einem bockigen Gesicht und einem einfachen: DA…!
Der Junge war eingebunden, ohne dass er den Zusammenhang schon richtig verstanden hat. Mutter und Großmutter verstehen es sofort. Er ist in diese Liebe tief eingebunden.
So sind auch wir, jeder von uns eingebunden in diese tiefe Liebe zwischen dem Vater und dem als verbindendes Element im Heiligen Geist. Den Blumenstrauß drückt uns unsere Glaubensgemeinschaft in die Hand. Manchmal haben wir vielleicht auch ein bockiges Gesicht, aber wir sagen einfach: DA (hast Du den Strauß!!!) und sind in der Liebe Gottes mittendrin.
(SKB) Das ist ein wirklich schöner Gedanke. Mittendrin in der Liebe Gottes, auch wenn wir es vielleicht so gar nicht spüren, denn das ist ja wirklich nicht so einfach mit dem Heiligen Geist.
Liebe Gemeinde, wenn wir ehrlich sind: Der Heilige Geist ist für viele von uns der „unbekannte Dritte“. Vom Vater haben wir ein Bild: Schöpfer, Himmel, Erde. Den Sohn kennen wir: Jesus – sichtbar, greifbar, einer von uns. Aber der Geist? Unsichtbar, ungreifbar, irgendwie schwer zu packen.
Ich sag’s mal so: Der Heilige Geist ist wie WLAN. Man sieht ihn nicht, aber ohne ihn läuft nichts!
Du kannst die schönste Bibel haben, die tiefsten Gedanken, aber ohne Geist bleibt’s toter Buchstabe. Mit dem Geist wird’s lebendig, verständlich, bewegend.
In der Trinität ist der Geist sozusagen die Verbindung:
- Der Vater schenkt uns Leben,
- der Sohn zeigt uns, wie dieses Leben in Liebe aussieht,
- und der Geist macht, dass wir es heute spüren – mitten in unserer Welt.
Pfingsten ist ja die Geburtsstunde der Kirche. Menschen aus zig Nationen verstehen einander plötzlich. Man könnte sagen: Der Heilige Geist schaltet den Übersetzer frei – besser als Google Translate.
Und das gilt bis heute: Der Geist verbindet Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten. Er gibt Mut, wenn wir am liebsten kneifen würden. Er flüstert uns ins Herz: „Du bist Kind Gottes – geliebt, getragen, frei.“
Also: Trinität ist kein theologisches Rätselraten, sondern Gottes Beziehungsangebot. Der Heilige Geist ist die Kraft, die uns daran teilnehmen lässt – unsichtbar, aber spürbar.
Und wenn du das nächste Mal denkst: „Ich krieg das nicht hin“, dann erinnere dich: Du bist im besten WLAN-Netz der Welt eingeloggt – und die Verbindung reißt nie ab.
(TT) Liebe Frau Kollegin. WLAN ist auch EIN schönes Bild für EINE Person der Trinität. Wenn ich mich nicht wirklich irre, dann gibt es DREI Möglichkeiten, ins WWW, also WORLD WIDE WEB zu kommen: WLAN, Kabelgebunden oder per Netz. Und verbirgt sich hinter diesem WWW nicht auch etwas Trinitarisches:
World – von Gott Vater geschaffen
Wide – die grenzenlose Liebe Gottes in Christus
Web – Netz bzw Gewebe, welches die ganzen geistreichen Informationen bereithält, die wir für das Leben brauchen.
Wieder ein Dreiklang! Aber hoffentlich war dies alles nun nicht zu theologisch.
(AW) Keine Sorge, lieber Herr Kollege. Theologie ist noch einfach nur das Reden von Gott in Worten, die wir verstehen und nachvollziehen können. Und ein klein wenig Mysterium gehört eben auch dazu, wie die Mysterien von Glaube, Liebe, Hoffnung aus der Lesung vorhin, die wir auch nie ganz verstehen werden.
(TT) Jesus Christus spricht: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mtth 18). Vielleicht ist es höchste Zeit, wieder mit kindlicher Neugier und Experimentierfreude ans Werk zu gehen uns so gemeinsamer aufzubrechen in die Zukunft, unsere eigene und die der Kirche – hier in Hanau und überall.
(SKB) Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
(AW) Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. AMEN